Vorwort:
Ich habe mir in letzter Zeit vermehrt Gedanken darüber gemacht, warum ich hier eigentlich schreibe. Ursprünglich ging es mir mal um Kommentare und Feedback, vielleicht auch um einen Ort, an dem ich meine Kreativität weiterhin ausleben kann (was nicht so toll geklappt hat, da eigene Geschichten weiterhin auf sich warten lassen).
Nun bin ich aber zu dem Schluss gekommen, dass ich im Moment gerne hierher komme um mich selbst zu erinnern. Bestimmte Momente und Erinnerungen verblassen so schnell, dass ich mir manchmal gar nicht mehr sicher bin, ob sie überhaupt stattgefunden haben.
Somit ist das hier so etwas wie meine virtuelle Erinnerungskiste und auch so eine Art Vermächtnis (doofes Wort, aber mir fällt kein besseres ein) an meine Kinder.
Denn darum geht es hier ja hauptsächlich und dies nicht, weil ich mich entschieden habe, nur noch über meine Erlebnisse mit ihnen zu bloggen, sondern weil sie momentan einfach den größten Teil meines Lebens ausmachen.
Im Zuge dieser Überlegungen ist mir dann aufgefallen, dass ich über die Geburt von Miss Allerliebst noch gar nichts geschrieben habe. Dies möchte ich heute nachholen, auch wenn ich jetzt vorab das Gefühl habe, dass es da gar nicht so viel zu berichten gibt.
Wer also die Nase voll hat von immer wieder kehrenden Geburtsberichten (nicht so wie ich … irgendwie sind das die Geschichten, die ich in Blogs am liebsten lese), sollte jetzt einfach zum nächsten Beitrag übergehen und den hier auslassen.
Wie Miss Allerliebst auf die Welt kam
Wenn mich die Leute fragen, wie eigentlich die Geburt war, dann sage ich immer “Kurz und heftig”. Aber eigentlich stimmt das gar nicht.
Wir warteten eine ganze Woche darauf, dass es endlich los geht. Man wird ja dann doch ein wenig hibbelig und kann es kaum erwarten, sein Baby im Arm zu halten. Das dazwischen noch einige Wehen und eine noch schmerzhaftere Geburt liegen, verdrängt man doch meist erfolgreich.
Wie bereits an diesem Ort mitgeteilt, wurde ich mittwochs ziemlich kribbelig und besorgte mir noch diverse Dinge, um das Einsetzen der Wehen ein bißchen zu beschleunigen. Als dann tatsächlich Donnerstag Mittag um eins die erste Wehe kam, hatte ich davon lediglich das Globoli von meiner Hebamme geschluckt. Der Tee stand noch unbenutzt im Regal (da die Apotheke ihn erst bestellen musste und ich ihn erst kurz vorher abholen konnte), Die Akupunktur war für 16 Uhr angesetzt und massiert hatte ich auch noch nicht.
Deshalb dachte ich irgendwie erst, es handele sich bei diesem ziehenden Drücken um Blähungen. Ich benötigte ungefähr drei bis vier Wehen um zu erkennen, dass sie regelmäßig in zwanzig Minuten Abständen kamen und es sich hierbei eben nicht um Darmaktivitäten handelte. Ich glaube es geschieht sehr selten, dass man sich über Schmerzen so sehr freut.
Das Fräulein weilte bereits bei meinen Eltern, da ich am Morgen einen Termin bei meinem Gyn hatte und am Nachmittag, wie erwähnt, eigentlich zur Akupunktur wollte, also musste ich was das betrifft gar nichts organisieren. Und das war schließlich eine meiner Hauptsorgen gewesen.
Also atmete ich so vor mich hin. Tatsächlich schaltete ich, ich glaube ich, Arte oder so etwas ein. An diesem Tag wurde eine Dokumentation nach der anderen gesendet, auch wenn ich heute keine Ahnung mehr habe, um was es darin ging (fällt mir eben mal so auf. Wirklich erstaunlich).
Und rein aus Protest, bereitete ich mir auch noch eine Tasse von dem Eisenkrauttee zu. Konnte ja wohl nicht sein, dass ich ein kleines Vermögen dafür ausgegeben hatte und ihn dann nicht brauchte. Pfh!
Um drei rief ich den tollen Mann auf der Arbeit an. Ich wusste, dass er früher Feierabend machen wollte (der nächste Tag war Karfreitag und ein langes Wochenende lag vor uns) und dass er vorhatte, das Fräulein bei meinen Eltern abzuholen um mit ihr einen schönen Nachmittag zu verbringen. Dieses Vorhaben wurde also gestrichen und er kam eine Stunde später nach Hause.
Zu diesem Zeitpunkt war ich weiterhin fleißig und regelmäßig alle zwanzig Minuten am Wehen veratmen, wenn diese auch noch nicht wirklich schlimm waren. Manchmal erschienen sie mir so leicht und kurz, dass ich von einer “halben Wehe” sprach, wenn der tolle Mann wissen wollte, was gerade passierte. Und irgendwie hatte ich die ganze Zeit Angst, dass das nur ein Fehlalarm ist und ich auf die nächste Wehe bis zum Sankt Nimmerleinstag warten würde. Hörte man ja des öfteren, das Wehen auch mal gerne plötzlich verschwinden.
Doch sie blieben. In schöner Regelmäßigkeit alle zwanzig Minuten. Bis dann um acht Uhr abends der Wehenregler von “geht noch gut so” eine Stufe rauf auf “okaaaaay, das tut langsam dann doch ein wenig weh” gedreht wurde. Das war dann auch der Zeitpunkt, an dem wir so langsam mal zusammenpackten, da die Wehen nun alle acht bis fünf Minuten kamen. Bis wir dann schließlich am Krankenhaus ankamen, war es dann neun Uhr abends. Ab hier beginne ich immer zu zählen, wenn es um die eigentliche Dauer der Geburt geht, weil davor alles irgendwie noch Pipifax war.
Bereits zu Hause kurz vor dem Aufbruch und dann auch im Auto, wurden die Wehen heftiger. Ich musste also erst einmal eine Wehe veratmen und mich dabei ans Armaturenbrett klammern, bevor ich aussteigen und zum Krankenhauseingang humpeln konnte. Dabei hoffte ich, dass wir die Kreißsaaltür bis zur nächsten Wehe erreichen würden, weil ich mir doof vorkommen würde, mitten im Voyer stehen zu bleiben und mich an den tollen Mann zu hängen, um laut und deutlich vor mich hin zu pusten. Aber der Weg ist Gott sei Dank nicht weit und so konnte ich sogar noch persönlich den Klingelknopf am Kreißsaal drücken, bevor die nächste Wehe kam.
Tatsächlich hatte ich diese bereits fast vollständig veratmet, als die Hebamme ankam. Scheinbar hatte sie gerade ein Päuschen gemacht und begrüßte mich mit den Worten “ich bin schon da. Alles wird gut. Schöööön weiter atmen.” Ich fand sie auf Anhieb sympathisch, obwohl sie so ganz anders war, als die, die ich bei des Fräuleins Geburt hatte. Sie hieß Sabine, duzte mich gleich und führte mich in den Raum für das erste CTG.
Wehen und Liegen vertragen sich bei mir irgendwie nie so gut. Also war diese gute dreiviertel Stunde für mich nicht so doll. Doch der tolle Mann war da, teilte mir Herztonfrequenz des Babys und die Höhe meiner Wehe mit (“Jetzt rauf bis 40. Ordentlich!”) und hielt meine Hand.
Nach dem CTG meinte Sabine dann, sie wolle mal nach dem Muttermund gucken. Das ist auch eine Prozedur, die nicht sehr angenehm ist, im Vergleich zu meinen Wehen, die ich nun hatte, aber Kinderkram war. Also eine Wehe abgewartet, dann vorsichtig in mich hinein getastet und mit einem Lächeln verkündet “Muttermund vier bis fünf Zentimeter, da hast du aber schon ordentlich geschafft!” Ich war stolz wie Bolle, auch wenn ich eigentlich nicht viel dazu beigetragen hatte. Der Muttermund macht schließlich was er will.
Danach hat sich eine Ärztin noch einmal per Ultraschall alles angesehen: Lage von Miss Allerliebst (“Das Baby ist schon so weit im Becken, dass ich den Kopf gar nicht mehr sehen kann”), die Menge des Fruchtwassers und auch die ungefähre Größe und Gewicht. Alles im grünen Bereich, wie mir versichert wurde.
Anschließend einigten Sabine und ich uns auf einen Einlauf. Ja, das ist wirklich ein wenig eklig, aber erleichtert zum einen ungemein, zum anderen macht es Platz für das Baby und obendrauf beschert das, wenn man es zum richtigen Zeitpunkt macht, auch noch zwei bis drei Zentimeter weiter geöffneten Muttermund. Da nimmt man doch alles gerne in Kauf. Am schwierigsten dabei ist noch, alles bei sich zu behalten, während man eine Wehe hat. Denn eigentlich lautet dabei die Maxime “Alles weiiiiit aufmachen. Am besten an ein weit geöffnetes Scheunentor denken.” Das ist schon so in mir verankert, dass es mir wirklich schwerfiel, bei der nächsten Wehe alles zusammen zu kneifen. Abgesehen davon, dass ich das Gefühl hatte, die Schmerzen wären dabei gleich doppelt so schlimm.
Aber auch das haben wir gut über die Bühne gebracht. Ich durfte jetzt mein eigens für die Geburt erstandenes übergroßes Nachthemd anziehen und wurde dann in den eigentlich Kreißsaal geführt. Es war leider nicht der selbe, wie bei des Fräuleins Geburt, aber enthielt in etwa die gleiche Ausstattung: Kreisbett, Sprossenwand, Tuch von der Decke, alles da. Mittlerweile waren wir schon über eine Stunde hier und ich hatte das Gefühl, ich wäre nur von einem Ort zum anderen gerannt. Ich hoffte eigentlich, dass ich jetzt ein bißchen Ruhe finden würde. So wie beim Fräulein, als ich bestimmt drei bis vier Stunden wie in Trance vor mich hin atmete und dabei ganz entspannt auf dem Kreißbett saß.
Gesessen habe ich diesmal auch auf dem Bett, allerdings nicht für sehr lange. Nach erneuter Untersuchung des Muttermundes verkündete Sabine, dass wir bei acht Zentimetern seien und ich doch nun mal aufstehen sollte, damit das Baby besser durch das Becken rutschen könne.
Gesagt getan. Und hier fing es dann an, richtig schmerzhaft zu werden. So schmerzhaft, wie ich es beim Fräulein Wunder erst in der letzten Phase bei den Presswehen empfunden habe. Kommentar der Hebamme: “Ja, ja. Bei der zweiten Geburt ist es oft so, dass noch alles so weich und geweitet ist, dass das Baby wie mit einem Fahrstuhl durch das Becken saust.” Ich weiß noch, dass ich im Hinterkopf hatte, dass diese Phase beim Fräulein Wunder bestimmt auch nochmal zwei Stunden gedauert hat und dass es zwar ein seltsames, aber keinesfalls ein so schmerzhaftes Gefühl gewesen war. Noch zwei Stunden. Und ich musste bereits beim Höhepunkt jeder Wehe den Schmerz wegbrüllen. Auf einer unbewussten Ebene machte mir das schon Sorgen.
Hätte ich mir aber nicht machen müssen. Denn nach gefühlten fünf Minuten (wahrscheinlich eher zwanzig), verspürte ich einen ungeheuren Drang zu pressen.
Also wieder rauf aufs Kreißbett. Sabine schaute noch mal nach dem Muttermund. Dieser war, bis auf einen kleinen Rand, vollkommen geöffnet. Das Kopfteil wurde also hoch-, die Füße runter gefahren. Die Ärztin kam und dann wurde es ernst.
Wie auch beim Fräulein Wunder war diese Phase die schmerzvollste und ich schrie bei jeder Wehe, was das bißchen Luft in meinen Lungen noch her gab. Trotzdem war ich ganz klar im Kopf und hatte weiterhin beinahe schmerzfreie, kurze Pausen zwischen jeder Wehe, was ein unglaublicher Segen ist.
Diesmal durfte ich also in der Rückenlage gebären, was ich wesentlich angenehmer fand, als die Seitenlage beim Fräulein. Der tolle Mann stand hinter mir und stütze meinen Rücken, ich griff nach den angewinkelten Knien und zog die Beine zu mir ran und alle gemeinsam habe wir gepresst was das Zeug hielt. Dazwischen nicht pressen, hecheln, warten, bis es weiter geht. Immerwieder den Kommandos folgen. “Und nochmal Luft holen.Schiebschiebschiebschieb … stooooop. Jetzt langsam. Atmen, atmen, atmen. Nicht pressen. NICHT pressen. Ja gut so. Atmen nicht vergessen. Super. Du machst das toll. Und jetzt noch mal Luft holen. Komm. Das schaffst du. Uuuuuund Schiebschiebschiebschiebschieb. JA! Super. Das Köpfchen ist da! Und noch einmal. Komm. Schiebschiebschiebschieb. Haaaalt. Atmen. Nicht mehr pressen. Langsam. Und jetzt noch ein letztes Mal. Komm, das packst du. Atmen, atmen. So ist’s gut. Kommt die nächste Wehe? Super. Dann Luft holen, Kopf auf die Brust, Beine anziehen uuuuuuund schiebschiebschiebschiebschieb … ” Und als ich dachte, jetzt sterbe ich wirklich (den Gedanken hat man ja zwischendurch gefühlte tausend Mal), flutschten auch noch die Schultern aus mir heraus. Und wie ich es mir gewünscht hatte, bekam ich sofort ein kleines, nasses, verschmiertes Bündel auf die Brust gelegt.
Dieses Gefühl, diesen warmen und doch erstaunlich schweren und kompakten Winzling im Arm zu halten, ist wirklich unbeschreiblich. Der tolle Mann vergoss ein paar Tränchen neben mir, ich konnte auch diesmal nicht, warum auch immer (bei jeder Geburt, die ich im Fernsehen sehe, heule ich wie ein Schlosshund. Das ist wirklich sehr seltsam). Aber ich war richtig glücklich und voll bei mir. Bei uns.
Ein bißchen geweint, oder vielmehr gequäkt, hat Miss Allerliebst auch, aber das gab sich recht schnell. Schließlich war auch sie geschafft von den ganzen Geburtsstrapazen.
Leider kann man aus dieser Position (Baby – Brust) recht wenig von dem Knirps sehen. Erst als der tolle Mann wenig später das Bündel im Arm hielt, konnte ich das Gesicht erkennen und dass sie so viele, dunkle Haare hat.
Währenddessen kümmerten sich Sabine und die Ärztin um die Nachgeburt. Beim Fräulein wollte sich die Plazenta nicht lösen und ich musste damals leider in den OP. Diesmal, hoffte ich, würde das anders sein.
Um es kurz zu machen. Nach einigen Bauchhüpfern, drücken, ziehen (die Nabelschnur riss ab), nachdem eine dritte Schwester hinzu gezogen wurde, die ebenfalls in meinem Inneren herumwühlte und mir wie eine Bekloppte auf den Bauch drückte, was alles ebenfalls nochmal richtig weh tat, kam die Plazenta vollständig und mehr oder weniger freiwillig heraus. Ich durfte sie mir ansehen, was ich mit großer Neugier tatsächlich tat, bekam erklärt, dass die Nabelschnur, nicht wie gewöhnlich in der Mitte der Plazenta sondern am Rand angewachsen war, dass aber alles vollständig und wunderschön sei (eh klar, ne?).
Ich bekam das schmutzige Nachthemd ausgezogen und ein Krankenhaushemdchen an. Irgendwo dazwischen wurde Miss Allerliebst untersucht und vermessen, das weiß ich gar nicht mehr genau. Es folgte auf jeden Fall das erste Anlegen und Gekuschel mit Mama und Papa. Und bereits zu diesem Zeitpunkt fühlte ich, dass alles ganz anders sein würde, als es mit dem Fräulein gewesen war.
Ganz entspannt.
Ohne Angst etwas falsch zu machen.
Einfach ganz natürlich.
Wundertoll.