Der Allerletzte

Ich wusste gerade mal zwei Tage, dass ich mit  Kind 2.0 schwanger bin, als mich ein Anruf meiner Chefin erreichte, die mir mitteilte, dass meine Arbeitsstelle nach Mönchengladbach verlegt werden soll. Der Standort Mannheim, sowie einige Einheiten in Frankfurt und Hamburg werden geschlossen und etwa 300 Mitarbeiter damit freigesetzt.

Ich hörte danach öfter den Satz “Na, da hast du dir aber den richtigen Zeitpunkt zum Schwangerwerden ausgesucht.”. Allerdings hält dieses Argument bei näherer Betrachtung nicht wirklich stand. Gut, ich hatte sowieso vor für ein paar Jahre unentgeltlich zu Hause zu bleiben, aber auch ich verliere meinen Arbeitsplatz und habe somit keinen Ort, an den ich nach meiner Elternzeit zurückkommen kann. Vielleicht muss ich mich mit den ganzen Der-letzte-macht-das-Licht-aus-Szenarien nicht auseinander setzen, aber trotzdem trifft es auch mich.

Ich weiß, dass ich in der glücklichen Lage bin, einen Mann zu haben, der uns im Notfall über eine gewisse Zeit versorgen kann. Alleinverdiener sind von dieser Schließung also wesentlich stärker betroffen. Auch muss ich keine Entscheidung treffen, ob ich meinen Wohnort verlasse und damit mein soziales Umfeld und alles was ich kenne aufgebe, um in das wunderschöne Mönchengladbach umzusiedeln.

Aber auch meinen Arbeitsplatz gibt es dann nicht mehr und damit verschwindet auch die tolle Möglichkeit recht flexibel, mit einem guten Gehalt und vorhandenem Know-how wieder einzusteigen.

Demnach war mein letzter Arbeitstag, bevor ich mich in die Elternzeit verabschiede, auch mein allerletzter Arbeitstag in meiner Firma. Über 22 Jahre war ich dort beschäftigt. Wurde dort ausgebildet und habe sämtliche Höhen, Tiefen und Besitzerwechsel mitgemacht. Ich habe mich immer wieder auf Neues eingestellt, mich über manche Änderungen gefreut und manche eher kritisch betrachtet. Aber irgendwie war es doch immer mein berufliches Zuhause, wenn ich das mal so nennen darf.

Mit dem heutigen Tag kehre ich also meinem Arbeitgeber den Rücken und habe keine Ahnung, was in zwei bis drei Jahren auf mich zukommen wird. Ich habe seit über zwanzig Jahren keine Bewerbung mehr geschrieben. Ich habe keine Ahnung, wie man sich heutzutage auf dem Arbeitsmarkt präsentiert. Wie stehen die Chancen, als Mutter mit zwei kleinen Kindern eine Halbtagsstelle zu bekommen? Wie komme ich mit komplett neuen Arbeitsabläufen, EDV-Systemen und Firmenideologien zurecht? Fragen über Fragen, denen ich im Moment noch gelassen entgegen sehe, aber irgendwann werde ich mich ihnen stellen müssen.

Und so habe ich mich heute etwas wehmütiger als sonst verabschiedet, auch wenn mir noch für zwei Jahre die Möglichkeit offen stehen wird, meine ehemaligen Kollegen zu besuchen und sich somit erst einmal für mich nichts sichtbar ändern wird.
Aber es war eben der allerletzte Tag an meinem Arbeitsplatz und es gibt keinen Weg zurück.

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Der erste Arbeitstag

Ich hatte ganz vergessen wie es ist, wenn man am Morgen den Rolladen hochzieht und es ist noch dunkel draußen, wie es sich anfühlt, ganz in Ruhe zu duschen, einen Tee zu trinken und sein Frühstück zu richten und wie voll eine Autobahn im morgendlichen Berufsverkehr ist.
Den Weg ins Büro fand ich wie im Schlaf und bereits auf dem Weg dorthin begann mein Herz vor Freude und Aufregung heftig zu klopfen. Verrückt! Im Grunde war ich nie wirklich weg gewesen. Sicher habe ich nicht mehr dort gearbeitet, aber ich habe versucht meine Kollegen zusammen mit dem Fräulein wenigstens einmal im Monat zu besuchen. Also fühlte es sich eigentlich nicht fremd an, als ich die Büroräume betrat.

Ich sitze jetzt allerdings in einem anderen Zimmer mit anderen Kollegen. Allerdings auch alles Menschen, die ich vorher schon gut kannte. Und ich habe im Grunde keinen festen Schreibtisch, in den ich all meine Sachen verstauen kann, da sich mein Aufgabengebiet immer wieder ändern wird.
Aber fürs erste packte ich meine mitgebrachte, ehemalige Büro-Tasse aus und kochte mir wie gewohnt einen Tee, während der Computer hochfuhr. Alles wie gehabt. Als wäre ich nie weg gewesen.

Zu allem Überfluss erfolgte heute auch noch die komplette Umstellung auf Santander, so dass ich eigentlich damit rechnete, erst einmal nichts am Computer machen zu können. Doch siehe da – die Einstiegspasswörter lagen alle vor und nach einigem Hin und Her und Wiedererinnern und Falscheingaben lief (fast) alles glatt.

Es macht mir noch nicht einmal etwas aus, dass ich etwas ganz neues lerne, dass ich mir jetzt wie ein Lehrling vorkomme, dass ich immer fragen muss wie das oder das gehandhabt wird, weil zwischendurch auch immer wieder diese Aha-Momente kommen, in denen meine Hände Dinge ganz von alleine tun, weil sie sich noch erinnern.

Die liebe Chefin hat mir Blumen geschenkt und mich Willkommen geheißen, meine Kollegen waren froh mich zu sehen und die Zeit (5 Stunden, ha, ha, wie lächerlich) vergingen wie im Flug.

Und das Fräulein war so weit weg. Also gedanklich. Ich war für eine kurze Zeit wieder ganz Ich. Ein schönes Gefühl. Und gar nicht so sehr vermisst, wie ich eigentlich dachte.

Es war schön heute. Und ich freue mich auf morgen und übermorgen. Und auch auf Freitag, denn da muss ich nicht arbeiten.

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Zwischenbericht von der Front

Normaler Weise arbeiten in unserer Geschäftsstelle in etwa 60 Mitarbeiter mehr oder weniger fleißig vor sich hin. Momentan sind davon gefühlte 40 in Urlaub oder krank.
In meinem Fall bedeutet das, dass ich den Job für 2,5 Personen mache und zudem noch ein Gebiet unter meine Fittiche genommen habe, auf dem ich mich nicht 100% auskenne.

Dies alles führt zum einen dazu, dass ich den ganzen Tag leicht nervös und angespannt bin und zudem nicht vor halb sieben hier raus komme.

Ich weiß, für viele ist es ganz normaler Alltag einen 10 Stunden Tag zu haben. Für mich allerdings nicht.
Die Woche ist nur so verflogen, ich habe Fähigkeiten an mir kennen gelernt, die vorher brach lagen, da sie nicht gebraucht wurden (Arbeitspläne? Zeiteinteilung? Nein-Sagen? Sowas gibt es?) und ich freue mich wie noch nie auf mein Wochenende.

Zudem habe ich seit gestern das Gefühl, in einer Zeitkapsel aufgewacht zu sein. Die Gespräche, die ich momentan führe, haben so oder so ähnlich vor ein paar Jahren bereits stattgefunden, das Gefühl von Hilflosigkeit und Schmerz ist auch das selbe, nur der Gesprächspartner hat gewechselt.
Immerhin kann ich diesmal aus Erfahrung sagen, dass alles gar nicht so schlimm werden wird, wie es jetzt vielleicht aussieht und dass die paar Wochen Abwesenheit wahrscheinlich ihr Leben verändern werden. Hoffen wir demnach auf das Beste.

Außerdem ramme ich mir seit Sonntag jeden Tag eine Spritze in den Bauch. Mittlerweile ist das ja nun Routine, aber das erste mal war ganz schön gruselig. Die Nadel ist ca. 2 Zentimeter lang, wuchs aber in meinen Augen auf die Länge von etwa 50. Immerhin sollte die ja tatsächlich in mein Fleisch gestochen werden. Und ich konnte noch nicht mal die Augen zukneifen, wie ich das normaler Weise mache, wenn ich Blut abgezapft bekomme (in den letzten Wochen so ca. 2 Liter) oder geimpft werde (auch erst vor ein paar Wochen geschehen).

Demnach habe ich also diesen Pen, wie diese neumodischen Spritzen heutzutage heißen, in meinen zitternden Fingern gehalten, meinen Bauchspeck, der seit meinem Nichtraucherdasein auch wieder um 6 Kilo angeschwollen ist, zusammen gedrückt und dann tiiiiiiiiief durchgeatmet.
Die ersten zwei Versuche fanden nur in meinem Kopf statt, da mir mein Körper sehr deutlich zugeschrieen hat “Bist du irre?? Ich ramme mir doch nicht ne FÜNFZIG ZENTIMETER lange Nadel in den Bauch!!!”.
In dem Moment musste ich irgendwie an Bunjee-Jumping denken und dass man sich wahrscheinlich ähnlich fühlt, wenn man auf der Plattform eines Krans steht und 100 Meter in die Tiefe blickt. Der Verstand will (noch), aber der Körper scheidet vor Nervosität bereits viel zu viel Flüssigkeit aus.
Da hilft dann nur Augen zu und springen, nicht nachdenken, dem Körper keine Zeit geben zu widersprechen.

So ähnlich hab ich das dann auch gemacht. Allerdings mit geöffneten Augen – Mit offenen Augen ins Verderben sozusagen.
Und wie immer ist alles vollkommen anders, als man (=ich) sich das vorgestellt hat. Ich wartete noch auf den Schmerz, da war die ganze Sache schon vorbei. So ein kleiner Mini-Pieks, das war es auch schon.
Mittlerweile ist da jeden Abend nur noch ein winziger, mulmiger Moment, den ich aber meisterlich übersehe. Was man nicht alles mit sich machen lässt ….

Ansonsten schreibe ich wieder schön brav Punkte in mein Heftchen, schaffe es abends gerade noch für eine Folge Columbo oder CSI die Augen aufzuhalten und trolle mich vor halb zehn in mein Bett. Das Leben ist eindeutig zu kurz für so ne Scheiße, das sage ich euch.

Urlaub, wann kommst du?

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Ganz großes Tennis

Ganz großes Tennis

Mein Arbeitgeber engagiert sich zugegebenermaßen recht häufig für soziale Projekte. Dies bezieht sich nicht nur auf Öffentlichkeitsarbeit und Charrity Veranstaltungen, sondern auch auf uns kleine Mitarbeiter.

Das beste Beispiel hiefür fand am Freitag Abend in der großen SAP Arena statt (ja, genau die, in der auch das BsB Konzert der NG Tour statt fand *seufz*).
Das Fitnessstudio Pfitzenmeier hat gemeinsam mit einigen Sponsoren (u.a. die SEB) zu “Sport & Spirit” geladen. Tennis vom Feinsten wurde geboten, der Erlös kommt notleidenden Studenten aus der Region zu Gute.
Auf der Spielerliste standen demnach auch so große Namen wie Boris Becker, John McEnroe, Thomas Muster und Henry Leconte.
Zusätzlich sollte unsere Kollegin Mia aus der Filiale in Mannheim, die ihre Profikarriere auf Platz 170 liegend verletzungsbedingt aufgeben musste, einen Satz gegen besagten Herrn Leconte spielen.
Die Karten bekamen wir zum Vorzugspreis von 15,- Euro (die “normale” Bevölkerung musste zwischen 35,- und 60,- Euro hinblättern) und deshalb beschwere ich persönlich mich nicht über den Sitzplatz ganz oben unter Decke, von wo aus man die Spieler zwar noch sehen, aber nicht so direkt erkennen konnte.

So kam es dann auch, dass Mama und ich die Halle betreten, von unserem Ausguck nach unten blicken und zwei Herren bewundern, die sich vor dem offiziellen Beginn der Show einspielen.

Ich so: Sieht ja nett aus, aber die beiden kennt doch kein Schwein, oder?
Mama so: Aber das ist doch der Boris Becker! Das sieht man doch schon wie der läuft und aufschlägt.

Okayyyy. Da sieht man den Unterschied zwischen Profi und Amateur.

Die erste Runde bestreiten dann auch Boris Becker und John McEnroe. Sie spielen zwei Sätze aus, der Dritte wird bis 10 Punkte gespielt (macht man angeblich heutzutage öfter so, ich bin da wohl zu lange raus aus dem Thema).
Die ganze Zeit waren Göga und ich uns nicht ganz sicher, ob dieses Spiel wie beim Wrestling von vorneherein abgesprochen ist. So richtig anstrengen scheinen sich die Herren nicht, wobei man neidlos zugeben muss, dass Mister McEnroe mit seinen inzwischen 49 Jahren noch einen ordentlichen Rums hat.
Im Endeffekt entscheidet er dann das Match auch für sich.

Danach 20 Minuten Pause, in der ich mit Kollegen aus der Filiale, die ich selten bis gar nicht zu Gesicht bekomme, endlich eine Rauchen gehen kann. Nach einer weiteren Weinschorle und nettem Geplänkel mit meiner Oberchefin (O-Ton: “Wir haben den Vertriebsleiter wohl verärgert, dass er uns solch schlechte Plätze gegeben hat. Am Montag sagen wir ihm, wir konnten seine Post nicht bearbeiten, weil wir unsere Augen schonen müssen.”.. und das alles mit süßem, französischem Aktzent), ging es dann weiter.

Mia betrat unter frenetischem Applaus der SEB Kollegen den Platz. Henry hatte wohl keine Lust gehabt, stattdessen erbarmte sich Thomas Muster. Und “erbarmen” ist hierbei durchaus der richtige Ausdruck. Wir waren alle schwer enttäuscht. Sie haben lediglich nen Tie-Break bis sieben gespielt. Ich befürchte, Mia war noch nicht mal warm gespielt. Total daneben also. Und was man so hört, hatte sie sich wirklich intensiv auf diesen Abend vorbereitet. Buuuuuuhhhh!!

Danach das Doppel. Becker/Jelen vs. McEnroe/Muster. Die vier hatten ganz offensichtlich ihren Spaß. Mit einem wirklichen Kampf hatte das natürlich nichts mehr zu tun, aber das machte nichts.
Unter großem Gelächter und Geklatsche haben wir verfolgt, wie Thomas irgendwann seinen Schläger hinschmiss, den ihm dann eines der Ballmädchen wieder überreichen wollte. Er lehnte ab, setzte sich demonstrativ auf einen Stuhl am Spielfeldrand und forderte sie auf, für ihn weiter zu spielen. Das arme Mädchen (in etwa 12 Jahre alt, wenn man das auf die Entfernung überhaupt schätzen kann) wirkte erst mal total eingeschüchtert, hat dann aber tapfer an der Grundlinie Aufstellung genommen und versucht, den Ball übers Netz zu schlagen. Nach drei missglückten Versuchen hat John sich einfach aufs Netz gesetzt, damit die Kleine wenigstens einen Teilerfolg verbuchen konnte.
Dem Schiedsrichter wurde der Schuh geklaut, Becker beschwerte sich beim Netzrichter, dass er gefälligst nur die Handdrauflegen solle und nicht das Netz hinunter drücken, da wurde der Ball durch die Beine gespielt, John legte sich zwischendurch einfach mal auf dem Spielfeld schlafen usw. usw.. Wirklich eine gelungene Show.

Nach Beendigung des Spiels, mehreren Fotos für die Presse und einer weiteren Zigarettenpause mit Weinschorle, folgte dann der zweite Teil der Veranstaltung: Die Musik.
Ralf Guske Allstars + Friends. Noch nie von denen gehört? Ich auch nicht. War aber wirklich nett. Eine ca. 12 köpfige Band, die wir von einem schnell gesuchten, wesentlich besseren Block aus gut sehen konnten, marschierten auf und gaben nette Coversongs zum Besten.
John McEnroe durfte die Gitarre gegen den Schläger eintauschen und seine Version von Jimmy Hendrix’ “Foxy Lady” klang gar nicht mal so übel.
Was mich wirklich aufgeregt hat war, dass sie für die Band das Infield nicht freimachten. Klar, da war noch das Tennisfeld aufgebaut mit den Logen drumrum usw., aber die Bonsen, die wahrscheinlich für Umme in diesen kleinen Boxen gesessen haben und tatsächlich Boris Beckers Gesichtsausdruck beim Aufschlag sehen konnten, durften sich direkt vor die Bühne stellen. Die Schweine!!

Nach ner halben Stunde hatte Mama dann auch genug. Also ging es zurück zur S-Bahn und damit nach Hause.

Wirklich ein schöner Abend und wieder einmal etwas, was ich zum ersten Mal gemacht habe (zu diesem Thema auch bald “Tagebuch eines Nichtrauchers” und “Wie ich einen Kontrabass berührte”).

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