Des Guten zuviel
Das Fräulein Wunder nimmt nun schon seit einiger Zeit feste Nahrung zu sich.
Am Anfang gewöhnten wir sie an die Breinahrung. Erst ein Eierbecher voll Karottenbrei, dann nach und nach Kartoffelbrei mit Fleisch, bis hin zum ganzen Mittagsgläschen mit “Stückchen”. Der Weg bis dahin war erstaunlich langwierig und schwierig. Bisher kannte ich nur Kinder, die bereits an den Vorgang des Essens gewöhnt waren und somit den Mund weit aufsperrten wenn der Löffel angeschwebt kam und auch ohne Probleme schlucken konnten.
Das Fräulein hingegen musste dies alles erst noch lernen. Logisch eigentlich, aber wie so vieles vorher nicht vorstellbar. Zwei Monate lang schlürfte, spuckte, mampfte und schrie sie mal mehr und mal weniger heftig. Es gab Tage, da lief alles wunderbar glatt und am nächsten wollte sie schon wieder lieber ihre Flasche trinken.
Danach folgte die Einführung des Abendbreis mit Milchpulver, Dinkelflocken und ein wenig Obst, was wieder eine ganz andere Herausforderung an uns alle stellte. Denn versuchen Sie mal einem todmüden Fräulein, das eigentlich nur noch in ihr Bettchen will, klar zu machen, dass es jetzt noch von einem Löffel komisch schmeckendes Zeugs essen soll. Auch hier benötigten wir sicherlich sechs bis acht Wochen, bis sie sich mit ihrem glücklichen und auch ein wenig ungeduldigen “Mhmm, mhmmmmmm!!!” auf den Brei stürzte.
Der abschließend eingeführte Nachmittagsbrei mit Obst und Getreideflocken war dagegen ein Kinderspiel. Obst geht beim Fräulein Wunder immer.
Irgendwann wuchsen dem Fräulein dann die ersten Zähne. Voller Freude kaufte ich die erste Brezel, übergab ihr Brotrinden zum Lutschen und besorgte später Zwieback und Dinkelstangen. Und natürlich war nun alles, das ich selbst zu mir nahm für das Fräulein mehr als interessant. Im Grunde kann ich inzwischen nichts mehr essen, ohne dass das Fräulein in sehr eindeutiger auffordernder Art darauf deutet und ein “Mhm, mhm” ausstößt. Sie hat alles probiert. Geräucherten Fisch, Kartoffeln, Spätzle, Linsen, Kohlrabi, Karotten, Blumenkohl, Spinat, ein wenig Ei, Pommes, Apfel, Banane (die sie leider nicht ausstehen kann), Kuchen, Brot, Brötchen, Einback – eben alles, was so in unserem Haushalt auf den Tisch kommt oder zwischendurch genascht wird. Der Favorit ist nach wie vor Lyoner, die sie seit ihrem ersten Metzgereibesuch mit der unvermeidlichen Frage “Darf die Kleine schon Wurst essen?” scheibenweise in sich hinein stopft. Mittlerweile besteht ihr zweites Frühstück aus Vollkorntoast (ungetoastet) mit drei (kleinen) Scheiben Lyoner.
Leider quält das Fräulein seit ihrer Geburt eine Laktoseunverträglichkeit, was sich in juckender Haut äußert. Ich versuche also, Milchprodukte von ihr fern zuhalten, sie aber trotzdem ab und zu kosten zu lassen. Solche Dinge wie Vanille- oder Schokoladeneis oder eben Kuchen will man dem Kind ja nun auch nicht vorenthalten. Zumal sie auf die geringen Mengen nicht besorgniserregend reagiert.
Gestern nun waren der tolle Mann und ich mal wieder mit unserem Schlemmerblock unterwegs und kehrten bei einem Griechen ein. Das Fräulein war guter Dinge, saß neben uns in ihrem Kinderstuhl und vertilgte glücklich und zufrieden drei Scheiben gegrilltes Weißbrot. Danach wurde Papas Lamm mit griechischen Nudeln angepeilt und auch hiervon durfte sie ein paar Gäbelchen probieren. Offensichtlich mit großem Genuss. Abschließend wurde mir eine ansehnliche und zudem noch sehr köstliche Portion Tiramisu kredenzt, das sie mit riesigen Augen und blanker Gier im Blick anstarrte. Drei kleine Löffelchen hiervon wanderten dadurch in ihren kleinen, süßen Mund.
Tja … wir können auf jeden Fall festhalten, dass sie Mascarpone oder Sahne oder was auch immer in so einem Nachtisch drin ist, nicht verträgt. Keine zehn Minuten später begann sie zu weinen und zu würgen. Herauskam erst einmal ein Schwall von gelblichgrünem Schleim und Riesenblasen, die mir das Herz in die Hose rutschen ließen. Nach drei Mal schien alles vorüber, ich wusch ihr das Gesicht mit ein wenig kaltem Wasser und drückte das erschöpfte, jammernde Kind an meine Brust.
Zu Hause entschieden wir, den Abendbrei heute mal ausfallen zu lassen. Genug gegessen hatte sie definitiv und wir wollten dem angegriffenen Magen nicht noch mehr zu tun geben.
Das Zubettgehen gestaltete sich schwierig, da das Fräulein weinte und damit begann, sich in alarmierender Weise im Nacken und an den Beinen zu kratzen. Keine fünf Minuten später würgte sie erneut und dann drängte alles, was sie den gesamten Tag zu sich genommen hatte, mit Vehemenz wieder heraus. Ich weiß nicht, ob es ein schlimmeres Geräusch gibt als das hilflose und schmerzhafte Würgen des eigenen Kindes.
Ich erspare ihnen die Details zu Geruch, Farbe und Konsistenz, auf jeden Fall benötigten anschließend sowohl das Fräulein als auch ich eine komplett neue Garnitur Wäsche. Während also der tolle Mann mit besorgtem Blick das Bad putzte und die Waschmaschine befüllte, wusch ich das Fräulein und zog ihr neue Wäsche und Schlafanzug an. Dabei war bereits ganz deutlich zu erkennen, dass sich ihr Körper langsam rot verfärbte. Es folgten zwei Stunden, in denen wir versuchten, das Fräulein vom Kratzen abzuhalten und sie zum Schlafen zu bringen. Irgendwann kapitulierte sie total erschöpft in meinen Armen, während ich in der Dunkelheit ihres Zimmers saß und vor mich hin heulte. Was hatten wir ihr nur angetan?!?
Mein Kind verbrachte den restlichen Abend an meiner Seite, bevor sie ihr eigenes Bett wechselte, in dem sie friedlich bis fünf schlief und nach einer Flasche noch zweieinhalb Stunden dran hängte. Sie erwachte heute morgen gut gelaunt, mit riesigem Durst und einer gewissen Anhänglichkeit. Aber das ist mir nur recht. Mein Baby hat gelitten, weil ich zu dämlich war um nein zu sagen.
Immerhin … wenigstens haben wir aus diesem Abend gelernt und schauen uns nun die Dinge, die wir ihr so unbedarft in die Hand geben, etwas genauer an. Ich hoffe, auch mein Herz kann irgendwann aufhören zu bluten.



März 17, 2010 @ 21:51
Oha, da wird mir beim Lesen ja noch ganz eiskalt!
… Ich hoffe mal, dem Fräulein Wunder und ihrer Haut geht es inzwischen wieder besser? Wir haben auch so eine kleine Alles-Esserin zu Hause, die auf fremden Tellern 1000x lieber bettelt und hausiert als in ihrer Kinderkost …
März 18, 2010 @ 10:09
Ja, dem Fräulein geht es wieder gut. Gott sei Dank. Es ist wirklich erstaunlich, was so kleine Persönchen schon alles in sich hinein mampfen können. Wo stopfen die das nur alles hin?