Der Aufreger der Woche
Eigentlich begann der Tag ungeheuer positiv, denn endlich, endlich gab der Orthopäde grünes Licht und die blöde Schiene gehört nun der Vergangenheit an. Er meinte zwar, sein ehemaliger Chef hätte immer empfohlen, wenn die Hüfte “gut” sei noch drei bis vier Wochen die Schiene weiter zu tragen, aber das habe ich kategorisch abgelehnt. Das Geschirr ist nicht nur für Miss Allerliebst unbequem, es ist auch im Alltag hinderlich. Das fängt schon beim gemütlichen Kuscheln an und setzt sich beim Wickeln und Autofahren fort (in beiden Fällen muss die Schiene ab- und hinterher wieder angelegt werden). Abgesehen davon ist Miss Allerliebst inzwischen so agil, dass sie den ganzen Tag nur strampeln möchte, was mit diesen, durch die Schiene Tag und Nacht angewinkelten Beinen nicht wirklich funktioniert.
Also einigten wir uns auf breites Wickeln für die nächsten Wochen (Miss Allerliebst bekommt zusätzlich zu der vorhandenen Windel noch eine weitere verkehrt herum angezogen). Zur Kontrolle reicht der Besuch beim Kinderarzt und da in ein paar Wochen sowieso die nächste U-Untersuchung ansteht, ist das alles nun wunderbar geregelt.
Als kleine Belohnung (hauptsächlich für mich, das gebe ich zu), fuhr ich nach dem Termin mit Miss Allerliebst in ein nahegelegenes Einkaufszentrum. Wenn die Kinder noch so klein sind, ist es wirklich ein bißchen wie Urlaub wenn man einfach nur mit dem Kinderwagen herumschlendern kann. Da trinkt man hier mal einen Chai Latte Tea während Miss Allerliebst die Flasche bekommt, löst dort mal einen Gutschein ein oder lässt sich ausgiebig beraten, ohne dass man ständig gucken muss, wo denn nun das große Kind abgeblieben ist.
Und so erstand ich relativ schnell ein paar superbequeme Laufschuhe (warum sind eigentlich Jogging-Schuhe immer super peppig-bunt und Walking-Schuhe überwiegend trist grau-schwarz?) und ein paar günstige T-Shirts für meine aus der Form geratene Figur. Nach dem bereits erwähnten Chai Latte begab ich mich dann in ein bekanntes, schwedisches Bekleidungsgeschäft und shoppte dort munter Klamotten im Ausverkauf für meine beiden Töchter.
Schwer beladen begab ich mich nach gut einer halben Stunde an die Kasse. Zu diesem Zeitpunkt war Miss Allerliebst ein wenig quängelig und so nahm ich sie auf den Arm, stellte den Kinderwagen an einer Säule ab (damit er an der Kasse nicht im Weg herum steht) und stellte mich an der relativ kurzen Schlange an.
Ich schätze, ich habe den Kinderwagen für etwa fünf bis zehn Minuten aus den Augen gelassen. Und wenn ich auch zugeben muss, dass ich einfach ungeheuer naiv und – sagen wir es ruhig wie es ist – manchmal absolut dämlich und gedankenlos bin, so gibt das doch niemandem das Recht, einfach so den wundervollen kleinen rosa Elefanten aus Miss Allerliebst Kinderwagen zu klauen!
Und ich dachte mir noch so, als ich mich zur Kasse wandte um zu bezahlen, dass ich den Elefanten vielleicht lieber in den Fußraum unter die Decke schieben und ihn nicht so offensichtlich im Wagen liegen lassen sollte. Aber das war nur so ein flüchtiger Gedanke, der kam und ging wie ein feiner Lufthauch. Vielleicht rege ich mich auch gerade deshalb so sehr darüber auf.
Es ist eine Sache jemandem, der so doof ist wie ich, etwas zu klauen, weil er nicht richtig auf seinen Kram aufpassen kann. Auch wenn auch das nicht rechtens ist, wäre ich dabei wahrscheinlich eher sauer auf mich, als auf den Dieb.
Aber einem kleinen Kind sein Spielzeug weg zu nehmen, finde ich einfach skandalös. Und dabei geht es mir nicht um die zehn Euro, die dieses kleine Stück Plüsch gekostet hat. Moralisch rangiert so ein Vergehen in der untersten Schublade. (Mein Herzschlag ist schon wieder auf 180, pfh!).
Jedem, dem ich von der Sache erzählt habe ist der Meinung, das müsste ein Kind gewesen sein, der den Elefanten genommen hat. Aber irgendwie glaube ich das nicht. Zum Einen müsste dieses Kind schon recht groß gewesen sein um so in den Wagen gucken zu können, dass es den Elefanten sieht und damit würden hier die gleichen Moralwerte gelten, wie bei einem Erwachsenen. Zum Anderen sind mir zu dieser Zeit kaum Kinder aufgefallen. Da waren hauptsächlich Mütter mit Kinderwägen so wie ich, oder gänzlich ohne Begleitung.
Gott, ich bin immer noch so stinkig! Natürlich habe ich, als ich zu Hause war, gleich ein neues Ersatzexemplar des Elefanten bestellt und diesen, da könnt ihr sicher sein, werde ich hüten wie meinen Augapfel.
Die Welt ist schlecht. So!


