Über das Stillen

Bevor wir das Fräulein Wunder bekamen hatte ich eine sehr romantische Vorstellung vom Stillen. Die perfekte Symbiose zwischen Kind und Mutter, ganz natürlich, ganz einfach. Dachte ich.
Doch bereits im Krankenhaus begann ich zu ahnen, dass es vielleicht nicht ganz so einfach werden würde. Überall liest man oder hört man, dass Babys den Weg zur Brust von ganz alleine finden. Nun ja … da scheint das Fräulein eine große Ausnahme zu bilden (und Miss Allerliebst auch, aber dazu später). Es war jedenfalls nicht einfach ihr den Weg zur Brust zu zeigen. Hinzu kommt in meinem Fall auch noch die überwältigende Größe von Körbchen*größe G, so dass ich zum einen erst einmal sehen musste, wie das Fräulein das adäquat in ihren winzigen Mund bekommt und zum anderen dabei nicht erstickt.

Als wir dies ohne fremde Hilfe geschafft hatten (ein denkwürdiger Augenblick nachts um drei im Stillzimmer der Wochenbettstation an Tag 3), dachte ich wieder “Jetzt wird es ganz natürlich und einfach.”
Aber auch hier irrte ich. Denn saugende Lippen und Kiefer eines Babys hinterlassen Spuren an der Brust, davon machen sich nicht-stillende Frauen keinen Begriff. Als wäre man mit einer Stahlbürste darüber gefahren. Ehrlich. Da war Blut und selbst als noch kein Blut da war, tat es höllisch weh.
Aber das sind ja nur Schmerzen. Die kann man irgendwie aushalten. Zumal die Babys irgendetwas in ihrem Speichel haben müssen, das recht schnell betäubt. Die ersten Trinkzüge tun noch abartig weh, danach hört der Schmerz aber relativ schnell ganz auf.

Das Fräulein und ich fanden in den nächsten sechs Wochen relativ schnell einen guten Rhythmus. Vier Stunden am Tag, sechs Stunden in der Nacht. Das Fräulein schien augenscheinlich gut satt zu werden und gedeihte prächtig.
Leider war im Gegensatz dazu meine Technik immer noch nicht wirklich ausgereift. Ich habe keine Ahnung, wie Frauen das machen, die in Cafés oder irgendwelchen anderen öffentlichen Plätzen einfach mal so ihre Kinder stillen. Ich benötigte dazu meine Couch, das Stillkissen und jede Menge Konzentration. Von wegen einfach und natürlich. Pah!
Aber ich arrangierte mich damit. Immerhin ist Muttermilch das beste fürs Kind und ach so praktisch und überhaupt.

Nach acht Wochen dann die Brustentzündung. Von jetzt auf nachher hatte ich 40 Fieber und Schüttelfrost. Und die beste Hebamme von allen war im Urlaub.
Also sind wir ins Klinikum gefahren, wo sie mich dann auch gleich ganze fünf Tage da behalten haben. Alle drei Stunden musste ich abpumpen und das auch in der Nacht, ich bekam Quarkumschläge und Antibiotika und das Fräulein nächtigte neben mir in einem dieser Neugeborenen Bettchen. Eine ausgebildete Stillberaterin nahm sich meiner, immer noch vom Stillen malträtierten Brust*warzen an, attestierte mir, dass ich das Fräulein richtig anlege und verordnete eine Lasertherapie, die zwar die Warzen relativ schnell wieder gut aussehen lies, aber die Schmerzen nicht wirklich nehmen konnte.
Die Milch ging dabei auf die Hälfte zurück, so dass das Fräulein mit Milchpulver zugefüttert werden musste. Ich wurde schließlich als geheilt aus dem Krankenhaus entlassen, wie ich meine Milchproduktion allerdings wieder anregen sollte, konnte mir irgendwie niemand sagen. Oft anlegen, viel Silltee trinken, Milchreis und Hühnerbrühe essen und auf das beste hoffen.

Ich quälte mich damit noch ganze zwei Wochen rum. Unglaublich, wenn ich mir das heute so überlege. Fräulein stillen und dann noch eine Flasche hinterher geben. Was wir so alles mitgemacht haben. Und wie viel Zeit wir damals für so einen Schnickschnack hatten!

Und das Ende vom Lied: Ich habe dann doch abgestillt, wenn ich mir die Entscheidung damals auch nicht leicht gemacht habe. Noch drei, vier Wochen danach vermisste ich den kleinen Kinderkörper an meiner Brust und habe deshalb so manche Träne vergossen und das, obwohl die Flasche rein vernunftmäßig das einzig Richtige war. Körperlich war alles eine schnelle und klare Angelegenheit: Tablette schlucken, Flasche geben. Emotional hatte ich lange daran zu knabbern. Und manchmal glaube ich, ich tue das heute noch.

Dann war ich mit Miss Allerliebst schwanger und natürlich stellte sich hier wieder die Fragen aller Fragen “Stillen oder nicht stillen?”

Mein erster Impuls war eindeutig “Nicht stillen”. Doch der tolle Mann widersprach und meinte, dass wir es doch wenigstens probieren sollten. Schließlich wäre Muttermilch das beste für das Baby, ganz natürlich und vielleicht wäre diesmal ja alles ganz einfach.
Ich suchte also das Gespräch mit der besten Hebamme von allen. Nach einer Stunde hatte ich die Vorfreude auf das Stillen tief in mir wiedergefunden und war fest entschlossen, es einfach wieder zu versuchen. Mehr als schiefgehen konnte es doch nicht und wer sagte denn, dass bei Miss Allerliebst alles genau so laufen würde?

Miss Allerliebst wurde geboren und siehe da, das Anlegen klappte nach kurzer Zeit ganz unproblematisch. Vielleicht war ja doch alles ganz einfach.
Ich verließ die Klinik nach drei Tagen mit dem guten Gefühl, das mit dem Stillen schon irgendwie hin zu bekommen. Weh tat es natürlich auch diesmal, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es diesmal gar nicht so schlimm war. Auch fand ich das Anlagen gar nicht mehr so kompliziert und ich traute mir nun durchaus zu, auch außer Haus Miss Allerliebst an die Brust zu legen (wenn eine entsprechende Sitzgelegenheit und ein Kissen in Reichweite war. Aber immerhin …). So weit so gut.

Was nicht ganz so funktionierte war das Durchhalten von Miss Allerliebst. Nach fünf bis sieben Schlucken schlief sie regelmäßig ein. Diesmal ist scheinbar ein Betäubungsmittel in der Milch. Ich stillte, weckte, stillte, wickelte um zu wecken, stillte und hoffte auf das beste. Dass ich für das alles meist gute eineinhalb Stunden benötigte war erst einmal kein Thema. Der tolle Mann hatte Urlaub und ich nahm mir einfach die Zeit. Anfangsschwierigkeiten hatte ich ja schließlich erwartet und das würde schon werden.

Nachdem Miss Allerliebst aber auch nach zwei Wochen weiterhin ab- statt zunahm, mussten wir etwas unternehmen. Die tollste Hebamme von allen machte sich bereits Sorgen, kam täglich zum Wiegen und schüttelte dann immer wieder den Kopf und seufzte vielsagend.
Maßnahme eins bedeutete wieder abpumpen. Einfach um zu sehen, wie viel Milch zur Verfügung stand und es der Miss etwas leichter beim Trinken zu machen. Aber dieses Pumpen machte mich schon bereits beim Gedanken daran ganz depressiv. Da kam es mir ganz recht, dass die Pumpe mehr schlecht als recht funktionierte und ich mich damit nur einen halben Tag befassen musste. Immerhin. Drei Mal habe ich jeweils eine gute Stunde für sage und schreibe 70 ml gepumpt. 90 hätten es sein sollen.
Also verabschiedeten wir uns von der Pumpe und fingen mit dem Zufüttern wieder an. Die Theorie: Wenn Miss Allerliebst wieder ihr Geburtsgewicht hat, ist sie auch kräftiger und trinkt besser und länger.

Innerhalb von fünf Tagen hat Miss Allerliebst nun die fehlenden 300 Gramm zugenommen und so beschlossen die tollste Hebamme und ich vorgestern, auf die Flasche wieder zu verzichten.

In mir hatte aber bereits ein Prozess eingesetzt, der nach dem gestrigen katastrophalen Stillabend, heute morgen abgeschlossen wurde.
Ich hatte keinen Spaß mehr am Stillen. Ich empfand das ganze Hin und Her, den großen Zeitaufwand und die immer wieder kehrenden Rückschläge als Belastung. Ich hielt mich zwar mit dem Gedanken bei der Stange, dass alles besser werden würde, wenn Miss Allerliebst wieder ganz auf der Höhe war, aber so recht glaubte ich irgendwie nicht daran.

Ich muss zugeben, dass es zwischendurch wirklich gut klappte. Die Miss trank brav und zügig, auch wenn ich trotzdem noch eine gute Stunde für eine Fütterung und mindestens einen Weckruf benötigte. Doch ich hatte das Gefühl, dass sie richtig satt wurde. Allerdings dies auch nur bei durchschnittlich jedem zweiten Mal, an dem sie trank.
Die anderen Male wollte sie partout die Brust nicht nehmen, brüllte wie am Spieß vor Hunger und Frustration und konnte kaum bis gar nicht beruhigt werden. So haben wir gestern Abend vier Stunden von halb sieben bis halb elf verbracht. Mit Schreien, gelegentlichem Trinken von maximal fünf Schlucken, bevor das Schreien wieder los ging. Dazwischen beruhigen durch Saugen an Mamas kleinem Finger und kurzzeitiges Einschlafen, während dem ich es irgendwie fertig brachte, in Etappen den Kuchen für den heutigen Kuchenverkauf in des Fräulein Wunder Kindergartens zu glasieren und mit Zuckerstreusel zu versehen.
Um halb elf habe ich dann aufgegeben und eine Flasche gemacht. Die wurde von Miss Allerliebst in einem Zug förmlich inhaliert und danach war so wohltuende Ruhe, dass ich vor Erleichterung hätte heulen können. Stattdessen sind wir ins Bett gegangen.

Heute morgen weckte mich dann die Miss um 6.30 Uhr mit mittellautem Quaken. Klar, sie hatte bestimmt Hunger (und ja, sie schläft wirklich durch und das trotz Stilldesaster. So ein braves, liebes Kind!). Also rausgequält, angelegt und nach sieben Schlucke wieder ins Bett getaumelt, weil das Kind sich einfach nicht mehr wecken lies. Um acht waren wir dann alle endgültig wach, da das Fräulein ja auch in den Kindergarten muss (wo sie Gott sei Dank der tolle Mann hinbringt).
Die Miss brüllte bereits wieder vor Hunger (kann ich verstehen, hätte ich auch), doch das Theater vom gestrigen Abend setzte sich einfach fort. Da wird geschrieen wie am Spieß, aber die Brust, von der die Milch bereits in den geöffneten Mund tropft, wird ignoriert.

So. Und nun? Ich habe keine Ahnung, ob es da draußen so viele standfestere Mütter gibt oder ob bei denen wirklich alles ganz natürlich und einfach ist. Fest steht jedenfalls, dass die ganze Stillerei uns alle fertig macht. Mich sowieso, Miss Allerliebst auch und nicht zu letzt muss das Fräulein Wunder darunter ebenfalls leiden, weil ihre Mutter zum einen Ewigkeiten mit Stillen beschäftigt ist und zudem so angespannt und genervt ist, dass sie ihr im Moment nichts recht machen kann.

So habe ich mir das einfach nicht vorgestellt und anders als beim Fräulein ziehe ich schneller meine Konsequenzen. Ich werde die tollste Hebamme von allen also heute Mittag darum bitten, mir diese Tabletten zum Abstillen zu geben. Diese Entscheidung erfüllt mich mit grenzenloser Erleichterung und gleichzeitig heule ich schon den ganzen Morgen vor mich hin.
Weil es sich eben doch nach Versagen anfühlt. Als würde ich meinem Kind etwas schlimmes antun, wenn ich ihm jetzt die Flasche gebe. Als würde ich egoistisch handeln, denn die Flasche hat unbestreitbar hauptsächlich für mich Vorteile.

Und dann versuche ich daran zu denken, wie das heute Morgen war, als ich Miss Allerliebst die Flasche gegeben habe. Sie wirkte auf einmal so entspannt, ließ sich ohne Geschrei wickeln, schaute interessiert in der Gegend herum und machte einfach einen sehr zufriedenen Eindruck. Und wenn ich dann noch bedenke, dass ich normaler Weise eine bis eineinhalb Stunden mit Stillen beschäftigt gewesen wäre und ich in dieser Zeit heute, nach der Flasche, bereits geduscht und die Küche auf Vordermann gebracht habe, dann motiviert mich dies natürlich zusätzlich, auch wenn dies eigentlich einer der oben erwähnten egoistischen Gründe ist. Immerhin kann ich mir hier sagen, dass ich heute Nachmittag die durch die Flasche gesparte Zeit für das Fräulein Wunder nutzen kann. Ich kann endlich richtig mit ihr spielen oder etwas vorlesen, ohne dass dabei ein anderes Kind an meiner Brust hängt und eigentlich meine Aufmerksamkeit bräuchte.

Wahrscheinlich werde ich mich für den Rest meines Lebens für das vorzeitige Abstillen beider Kindern vor anderen rechtfertigen, aber das muss ich wohl in Kauf nehmen. So kann es jedenfalls nicht weiter gehen. Der tolle Mann sieht das übrigens und Gott sei Dank genau so. Er meinte, dass er und ich und auch das Fräulein Wunder mit der Flasche groß geworden sind (O-Ton “Na ja, Du vielleicht nicht, aber du weißt, was ich meine, oder?” Ha, ha.). Und die tollste Hebamme von allen hat sowieso von Anfang an gesagt, sie tut, was immer ich für richtig halte und redet mir nicht rein.

Jetzt brauche ich also nur noch diese kleinen Tabletten und dann bin ich frei. Und wahrscheinlich untröstlich. Aber das gehört wohl dazu.

Spread the word:
  • Print
  • Digg
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Add to favorites
  • MisterWong
  • Tumblr
  • Twitter

2 Responses bis jetzt. »

  1. 1

    mäuschen said,

    Mai 3, 2012 @ 13:10

    Ich würd mir da an deiner Stelle gar nicht so viel Gedanken machen und rechtfertigen brauchst Du dich schon gar nicht, was hilft es Dir wenn Du und Deine Familie nervlich am Ende seid, Du aber bis zum Schluß gestillt hast? Gar nichts, so ist es doch besser, wenn alle relaxt sind.
    Die Emotionale seite ist nochmal was anderes, das man ja gern stillen würde, aber es nicht geht. Deine Hebamme hat schon recht, Du musst das machen, was für Euch am besten ist und das ist die Flasche :)

    LG

  2. 2

    Keks said,

    Mai 5, 2012 @ 14:08

    Ich danke Dir für die aufbauenden Worte. Ich bin sehr froh, dass mir die Umstellung diesmal alles in allem doch leichter gefallen ist und ich mit meiner Entscheidung auch im Nachhinein vollkommen zufrieden bin. An dem “nicht rechtfertigen” arbeite ich noch :D .

Comment RSS · TrackBack URI

Erzaehl uns was du denkst:

Erlaubter Code: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>