Protokoll der letzten Nacht
Das Fräulein Wunder ist kränklich. Die Nase läuft und sie fängt auch bereits wieder an zu husten. Der Schnupfen ist nicht so schlimm, zeigen die tollen Wala-Globoli doch bereits ihre Wirkung. Und das mit dem Husten wird sicherlich auch noch.
Um halb neun geht das Fräulein wie immer ins Bett. Sie ist schon ziemlich abgekämpft, hat glasige Augen und ist hundemüde (und das, obwohl sie am Nachmittag freiwillig zwei Stunden nach dem Kinderturnen geschlafen hat). Ich stelle mich also auf eine eher ungemütliche Nacht mit häufigem Mamarufen und Besuchen im elterlichen Bett ein.
Um viertel vor elf wird das Fräulein das erste Mal wach. Gerade beim Show-Down vom Staatsfeind Nr.1. Man kann sich’s halt nicht aussuchen.
Im Nachhinein muss ich zugeben, dass sie zu dem Zeitpunkt schon ein bißchen schwer geatmet hat. Das kleine Fräulein hat es nämlich ganz gerne an den Bronchien, deshalb beunruhigt mich das erst einmal nicht sonderlich. Hätte es aber mal sollen.
Sie besteht jedenfalls darauf, dass sie in unserem Bett schlafen möchte und nachdem ich ihr da fünf Minuten Gesellschaft geleistet habe, darf ich sogar wieder nach unten zum tollen Mann gehen. Der Film ist natürlich inzwischen zu Ende (ich weiß immerhin, dass sie sich zum Schluss alle gegenseitig erschossen haben und dass Will Smith-Schnuckel überlebt und sein Leben wieder bekommen hat. Ich könnte also rein theoretisch ruhig schlafen).
Um halb zwölf mache ich mich dann auf ins Bett. Das Fräulein liegt quer und atmet schwer. Ich denke mir noch, dass es ja klar ist, dass sie am Wochenende krank wird und ich morgen wohl zur Apotheke muss. Dann hebe ich sie hoch und trage sie in ihr Bett. Schwerer Fehler! Dabei wacht sie auf, fängt an zu weinen und zu husten. Okaaaayyyy. Es wird also noch ein bißchen dauern, bis ich im Bett liege.
Ungewöhnlich ist zu diesem Zeitpunkt, dass sie keine Milch möchte, die normalerweise ihr Allheilmittel für alles ist. Sie möchte mit mir ins Bett, eh klar, und so kuscheln wir uns gleich darauf gemütlich aneinander.
Doch wie das so ist – das Fräulein wälzt sich herum, jammert, weint ein bißchen und ich kann außer sehr viel Mitleid empfinden erst einmal gar nichts tun.
Um halb zwei, nachdem das Fräulein die ganze Zeit gejammert, gestöhnt und sich herumgewälzt hat, verkündet sie dann “Lego spielen”. Sie steht auf und begibt sich tapsig in ihr Zimmer, wo noch die Legosteine auf dem Boden verstreut liegen. Da beschließe ich dann doch, ihr etwas Medizin zu geben.
Zum Einen spielt sie nämlich nicht, sondern legt sich stöhnend und keuchend zwischen die Steine auf den Boden und zum Anderen fühlt sich ihre Stirn inzwischen gut warm an. Sie bekommt also erst einmal zur Beruhigung ein paar Chamomilla-Globoli und hinterher ein Paracetamol-Zäpfchen (gut gegen Fieber und Schmerzen. Ich habe im Leben des Fräuleins erst drei Stück gebraucht, aber jedes Mal hat sie sich nach der Gabe entspannt und ist friedlich entschlummert).
Um halb vier kommt der tolle Mann ins Bett, da ist das Fräulein gerade mal wieder auf dem Weg von ihrem Schlafzimmer ins elterliche Bett. Das Zäpfchen hat rein gar nichts gebracht. Nada.
Um das Ganze ein wenig abzukürzen – wir haben alle drei nicht mehr als insgesamt eine Dreiviertel Stunde in dieser Nacht geschlafen, das Fräulein wanderte von Bett zu Bett zu Boden zu Couch und wieder zurück und jammerte immer wieder, sie habe Bauchweh (ihre Standardformulierung, wenn mit ihr irgendetwas nicht stimmt). Mal hat ihr der Rücken weh getan, mal die Brust. Und so recht konnten wir gar nicht feststellen, was ihr nun fehlt. Klar, sie ist ein wenig erkältet, aber ihr Atem ging nicht pfeifend, wenn auch sehr abgehackt.
Um sieben, als es draußen dann langsam hell wurde und wir immer noch nicht geschlafen hatten, machten wir uns dann auf den Weg zum ärztlichen Notfalldienst. Ich war da noch nie und hatte immer Angst, da irgendwann hin zu müssen. Mal abgesehen von den Schauermärchen über ewige Wartezeiten, war es mir irgendwie unangenehm dort hin zu fahren ohne einen konkreten Grund zu haben. Hätte ich sagen können “mein Kind ist von der Schaukel gefallen, hat sich den Kopf aufgeschlagen und muss sich jetzt dauern übergeben” wäre der Grund klar. Doch so? “Mein Kind hat die ganze Nacht nicht geschlafen.” Hmmmm.
Aber egal. Mir war das alles absolut unheimlich, denn irgendwann schläft jedes Kind vor Erschöpfung ein, egal wie wenig Lust es auf Schlaf hat. Und das Fräulein wirkte wirklich zutiefst verloren und … ja, krank eben. Am Schlimmsten waren die Momente, in denen sie ganz kläglich “Mami, Bauchweh hab ich” wimmerte und ich nichts tun konnte.
Also ab zum Notdienst. Auf Dreiviertel des Weges habe ich dann festgestellt, dass ich vor lauter Panik auch noch ihre Versichertenkarte zu Hause vergessen hatte. Na prima.
Am Empfang saß eine ältere Dame, die nicht gerade danach aussah, als mache sie ihren Job gerne, aber immerhin hat sie die Karte des tollen Mannes akzeptiert und die Daten des Fräuleins einfach eingetragen.
Als wir ins Wartezimmer kamen die nächste Überraschung: Gähnende Leere. (Natürlich meldet sich dann im verkorksten Keksischen Hirn sofort ungefragt der unangenehme Gedanke “Oh Gott, jetzt muss der Arzt nur wegen uns hier her kommen. Aus dem warmen Bett gerissen, von Frau und Kinder getrennt, blah, blah, blah.” Dies aber nur am Rande.).
Der Arzt erscheint keine fünf Minuten später. Total entspannt, sehr, sehr nett und absolut verständnisvoll. Mein Stresspegel sinkt um einiges.
Ich erzähle also warum wir da sind (im Auto hundert mal geprobt, Details verworfen, an Ausdrücken gefeilt und schlussendlich mit einem ganz passablen Vortrag die Praxis betreten) und bin sofort erleichtert, als der Arzt nickt und dabei auch schon weiß, was dem Fräulein fehlt. Er hört sie zwar trotzdem noch ab, erklärt aber, dass sie mit einer spastischen Bronchitis zu kämpfen hat und die Atemwege einfach zu sind. Beim Abhören bestätigt sich seine Vermutung und der Satz “es wundert mich nur, dass ich gar nichts höre. Da scheint also alles vollkommen dicht zu sein,” lässt mich jetzt noch blass werden.
Das Fräulein inhaliert an Ort und Stelle noch jede Menge Dampf (nachdem wir gemeinsam mit dem Arzt versucht haben herauszufinden, wie man dieses Gerät zusammen setzt) und ist dabei auch ganz toll tapfer. Nochmaliges Abhören bestätigt, dass jetzt immerhin ein Pfeifen zu hören ist und das (angeblich) beruhigend ist.
Mit einem Rezept, dem Hinweis, dass der Arzt noch bis 17.00 Uhr da wäre und wir gerne jederzeit wiederkommen können, werden wir nach Hause entlassen. Ich war selten so erleichtert wie in diesem Moment.
Klar, wenn man jetzt auf die Situation guckt, hätten wir schon viel, viel früher losfahren sollen und wenn ich das hier alles so lese, mache ich mir schon so meine Gedanken. Andererseits sind der tolle Mann und ich einfach nicht die kopflosen Menschen, die wegen jedem Wehwehchen zum Arzt rennen. Schwierig.
Nach Saft, Notfallzäpfchen und knapp vier Stunden komatösen Schlafs (den wir zu dritt auf der Couch verbrachten) geht es dem Fräulein Wunder nun etwas besser, so dass sie mit dem tollen Mann Schwiegerpapas Hund ausführen ist. Frische Luft tut bekanntlich gut.
Haben wir wieder was fürs Leben gelernt. Nächste Woche wird ein Termin mit dem Kinderarzt gemacht und besprochen, wie ich zukünftig auf solche Situation reagieren kann. Welche Notfallmittel sollte ich im Haus haben? Macht es Sinn einen Inhalator zu beschaffen? Undsoweiterundsofort.
Erstaunlicher Weise bin ich gar nicht müde. Wahrscheinlich sind das die Schwangerschaftshormone die mich bereits jetzt auf schlaflose Nächte im nächsten Jahr vorbereiten. Die Generalprobe hat schonmal gut geklappt.


