Von der Weiblichkeit des Zupfens

Ange­fan­gen hat es so:

Doch nein: Zu 99 Prozent ist anschließend die Strumphose um min­destens 90 Grad, bis zu 360 Grad spi­ralver­dreht am Bein und ziept. Es dauert Minuten, bis sie ger­adeaus zurecht­gezup­pelt ist.

  • Frau Kalt­mam­sell beklagt die Mühe des Strumpfho­se­nanziehens. Zurecht.
  • Und auch wenn sie die Vok­a­bel “zurecht­gezup­pelt” ver­wen­det, musste ich sofort ans Zupfen denken. Und wie typ­isch diese Zupfende, schon in ihrer Aus­führung leicht wehk­la­gende Bewe­gung ist. Wie typ­isch weib­lich auch, auf eine Art. Denn das Mar­tyrium des Zupfens beginnt im Leben einer Frau schon arg früh. Als kleine Mäd­chen will die wär­mende Strumpfhose unter der eigentlichen Hose zurecht gezupft wer­den. Auch Mützen und Hand­schuhe sind ständige Zupfherausforderungen.

    Während das andere Geschlecht bere­its hier etwas grober und mit angestrengtem Gesicht­saus­druck zu Werke geht — wir zupfen.

    Hinein in die Pubertät und es beginnt die näch­ste Diszi­plin im großen Zupf-Mehrkampf. Denn überschüs­sige Haare über der Nasen­wurzel und der Ober­lippe wollen ent­fernt wer­den. Die Pinzette wird unsere Ver­bün­dete im Kampf gegen die Mono-Augenbraue. Wir entwick­eln Tech­niken und informieren uns über unter­stützende Helfer­lein, die den Schmerz und die Entzün­dun­gen min­imieren sollen. Es wird gekühlt und gepeelt, damit das Zupfen leichter fällt.

    Mit­tler­weile kommt uns die Indus­trie zu Hilfe und entwick­elt mit dem Epilierer ein Gerät, dessen einzige Spezial­isierung das schnelle Zupfen ist. Von wegen Mul­ti­funk­tion. Nichts außer Zupfen. Die jun­gen Her­ren? Rasieren. Nass oder elek­trisch, blut­triefend oder mit zuviel Rassier­wasser. Wir Zupfen.

    Und finden das nicht ein­mal beson­ders selt­sam.
    Ist Zupfen damit ein Klis­chee? Ein Stereo­typ? Sind wir, auch als mod­erne Fem­i­nistin­nen, Oper einer großen Zupf-Verschwörung? Ander­er­seits: Zupf-Instrumente. Da kom­men plöt­zlich auch die Her­ren der Schöp­fung zu ihrem Zupf-Grundkurs. Wobei überraschend viele auf Nach­frage das, was sie da mit einer Gitarre tun gerne “Schram­meln” nen­nen. Warum auch immer. Zupfen ist schließlich aller Ehren wert.

    Wir seufzen, während wir auch als Erwach­sene die Strumpfhose zurechtzupfen und schließlich ein­mal von oben bis unten über das Out­fit zupfen — bis es sitzt, wie es soll. Finden wir uns selbst dann ordentlich genug, spitzen wir Dau­men und Zeigefin­ger erneut — schließlich will der Kra­gen am beglei­t­en­den Her­ren auch zurecht gezupft wer­den.
    Ganz so, als hätte uns die Natur das Zupfen als übergreifende, küm­mernde Fähigkeit mit­gegeben. Eine uralte Kul­turtech­nik, die sprechende iPhones hin und Laser­haar­ent­fer­nung her , in allen Lebensla­gen zur Gel­tung kommt.

    Schließlich kann Zupfen auch despek­tier­lich sein, herabsetzend.Wenn wir es wollen. Oder auf­munternd, optimistisch.Zupfen als non­ver­baler Beziehungsaus­druck. Da schlum­mern doch gle­ich mehrere Dis­ser­ta­tio­nen, oder nicht?
    Und liebevoll, wenn man der eige­nen Tochter am Ende wieder die Strumpfhose zurecht zupft, damit sie raus­ge­hen kann und mit den Lackschuhen und der frischen Strumpfhose in eine Wasserpfütze springen.

    Apro­pos, Zupfen als verbinden­des Element.

    25
    Nov 2011
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    Ahnenforschung

    Haben sie eigentlich ital­ienis­che Vorfahren?”

    Die Amts-Mitarbeiterin lacht mich enthu­si­astisch an. Fast will man ihr irgen­det­was Nettes sagen. Ich zögere wohl einen Moment zu lange.

    Oh, sie wer­den das oft gefragt, oder?“
    Ich nicke, grinse. Und sage “Aber das ist schon einige Gen­er­a­tio­nen her.”.

    Das auf dem Schoß meiner Groß­mut­ter ist kein kleines Mäd­chen, son­dern mein Vater.

    Graublaue Augen, eine Stup­snase, kleine Lip­pen wie eine Porzel­lan­puppe. Haut­farbe möchte ich dieses gip­sige etwas gar nicht nen­nen. Aber es hilft nichts. Die Haare sind dunkel­braun­fastschwarz und locken sich in dicken Sträh­nen über meine Schul­tern. Mehr braucht es nicht. Und es wird nicht besser, wenn mich meine Schwester mit ihren großen braunen Augen und dem Teint einer brasil­ian­is­chen Strand­be­wohnerin abholt.

    Nun sind meine Eltern und meine Großel­tern in bay­erischen Gefilden geboren und herangewach­sen. Aber Gene sind eine lustige Angelegenheit.

    Als meine Groß­mut­ter, die huld­volle Donna Dora, let­zten Herbst ver­starb, kon­nte sich die ganze Kirchenge­meinde mal wieder davon überzeu­gen. Im Zug hin­ter dem Sarg mein Vater und mein Onkel — ihre Söhne also — , die ausse­hen als hätte man sie von der Arbeit auf einem sizil­ian­is­chen Wein­berg geholt. Dahin­ter die Cousi­nen D. , M. R. V. und F. Saubere bay­erische Bauern­mädel. Sie ziehen bere­its eine Schaar Urenkel hin­ter sich her. Sie wuseln in ihren Dirndl durch die Menge. Zwar hat D. die dicken Haare und F. die Locken geerbt, aber sie ist blond wie der Son­nen­schein und wirkt dadurch eher fehl am Platz.
    Das Tuscheln beginnt bei mir und meiner Schwester. Sie sieht fast zu exo­tisch aus. Obwohl es ende Okto­ber ist, sieht sie braunge­brannt aus. Die kurzen Haare, das große Lächeln — einen Tick zu hüb­sch für das Dorf, aus dem wir schon vor Jahren wegge­zo­gen sind.
    Dann ich. Sie erin­nern sich noch an das kleine Mäd­chen, das so fre­undlich alle gegrüßt hat. Darauf war Donna Dora sehr stolz. Auch auf mein schnelles Mundw­erk. Dee kimd aba nooch earna, Frau Dora. Bis auf die Nase entspricht mein Pro­fil heute fast exakt ihrem. Nur trug sie ihre Haare immer hochgesteckt.

    Ein­mal hab ich als 8jährige gese­hen, wie die Groß­mut­ter ihre Haar­nadeln aus dem Dutt löste und die Haare bis zur ihrer Hüfte herunter fie­len. Da war sie schon über 60. Und bis auf die grauen Sträh­nen außen, da wo sie mit Licht und Luft in Berührung gekom­men waren, waren sie so Schwarz wie das sprich­wörtliche Ebenholz.

    Wenn ich irgend­wann viel Zeit und Muse habe, werd ich doch noch diesen Fam­i­lien­ro­man schreiben. In dessen Zen­trum die junge Donna Dora steht. Klug und Schön und eigentlich zu eigensin­nig für die Umstände in die sie hinein geboren wird. Wäre sie heute eine junge Frau würde sie kaum den älteren Bauern heiraten, son­dern eher ein Unternehmen leiten oder Bürg­er­meis­terin wer­den. Sie hatte Autorität und Biss.
    Sie war daher nicht unbe­d­ingt eine warme, sehr kusche­lige Oma, aber eine beein­druck­ende. Und die beste Erk­lärung für viele meiner Eigen­schaften heute.1

    Meine Güte, da bin ich aber weit abgeschweift.

    Eigentlich wollte ich erzählen, warum sich ein einzel­ner Gen-Strang mit solcher Wucht durch die Gen­er­a­tio­nen zieht. Wis­sen sie, meine Groß­mut­ter war auch gern mys­ter­iös. Außer­dem entsprach ihre Herkunft nicht ihrem natür­lichen Drang in höhere Gefilde der Gesellschaft.
    Dabei war meine Urgroß­mut­ter ver­mut­lich nur sehr lebenslustig.

    Die Hal­bgeschwis­ter meiner Groß­mut­ter waren Bauernkinder, nach­dem die kurze Verbindung mit einem Kauf­mann ergeb­nis­los blieb, wie Donna Dora es nan­nte. Sie und ihr Bruder, der wilde Geschicht­en­erzäh­ler der Fam­i­lie, waren aber die ältesten Kinder.

    Mein Urgroß­vater väter­lich­er­seits, eigentlich großmüt­ter­lich­er­seits, ist eine wage, dun­kle Gestalt in den Geschichten, die auf Fam­i­lien­feiern nach eini­gen Gläsern selbst ange­set­ztem Erd­beer­limes erzählt wer­den. Aber erst, wenn meine Groß­mut­ter sich zurück gezo­gen hatte. Damit sie sich nicht aufregt.
    Dann jedoch legte ihr Bruder Sepp los. Dabei ergänzte allein sein Wesen die Frage nach meinen Ahnen schon sehr gut. Er genießt das Leben, die Frauen. Zum Gehen braucht er schon lang einen Stock, da kaufte er sich einen Sportwagen-Oldtimer.

    Jeden­falls sagte er gern, sein Vater war im Grunde ein Frei­heit­skämpfer. Wofür oder gegen wen er gekämpft hat, kon­nte er nicht genau sagen, aber ein hin­terlistiger, toller Kerl soll er gewe­sen sein. Und die Sache mit dem abge­bran­nten Hof damals war bes­timmt eine Ver­schwörung. So ver­schwand er näm­lich aus dem Leben meiner Urgroß­mut­ter. Ein benach­barter Hof war fast kom­plett herunter gebrannt, Brand­s­tiftung sagte die Feuer­wehr. Daraufhin sagte der Gen­darm (!), der exo­tis­che Fremde mit den dun­klen Augen und schwarzen Haaren, den meine Urgroß­mut­ter geheiratet hatte, sei verdächtig.

    Er wurde ein paar Tage einges­perrt. Es fand sich nichts, was die Anschuldigun­gen bestätigte. Als man ihn frei lies, ver­schwand er. Sepp sagte, dass es eine Hand­voll Män­ner im Dorf gab, die seine Mut­ter haben woll­ten und denen kam es ger­ade recht.

    So weit, so irgend­wie glaub­würdig. Aber wer war er denn, woher kam er?
    Nun, Großonkel Sepp lehnte sich dann gern nach vorn und erzählte eine von vie­len Ver­sio­nen davon, woher mein Urgroß­vater gekom­men war.
    Zuerst war er aus Südtirol und auf Wan­der­schaft als Handw­erker hän­gen geblieben. Dazu passt der der Mäd­chen­name meiner Groß­mut­ter tat­säch­lich. Ein ander­mal war er ein neapoli­tanis­cher Ver­brecher, der über die Alpen floh und in dem kleinen Dorf ein neues Leben anf­ing. Meine Lieblingsvari­ante ist die vom San­dler aus der Toskana, der wegen zu viel Ärger mit den Frauen, also eigentlich deren Män­nern, weg musste. Ein San­dler ist dabei jemand ohne genaue Tätigkeit, eine char­mante Ver­sion des Taugenichts.

    Die Wahrheit wird irgendwo in der Mitte liegen, wie immer. Fest steht: nicht nur der Phäno­typ, auch das Tem­pera­ment und der Hang dazu mit den Hän­den zu reden, sind auf ewig Teil unserer Gen-Masse. Vielle­icht ist es genau dieser Teil, der dafür sorgt, dass es sich wie nach Hause kom­men anfühlt, sobald ich den Bren­ner überquere. Und wer weiß wann und wo meine Ahnen noch zu mir sprechen. Ich sollte mir ein Glas Wein ein­schenken und ihnen lauschen.

    1. Nicht, dass sie sich nicht geküm­mert hätte, nein! Liebevoll gestrich­ene Sem­meln mit einer Schicht But­ter unter der Stre­ich­wurst, wenn wir draußen gespielt haben. Wenn wir, bzw. ich, mit einem aufgeschürften Knie zurück kamen, saß ich in der alten Küche des Hofs (mit Hol­zofen!) und bekam eine Geschichte erzählt, während sie einen Viertel­liter Jod auf dem Knie verteilte. Ich erin­nere mich noch an den Geruch dort. In der Küche wurde immer irgen­det­was gebacken oder gekocht, viel Sahne geschla­gen. Vom Haus­gang kam ein leichter Dunst vom Stall herein, gemis­cht mit Heu.

    14
    Aug 2011
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    vom Schreiben übers Schreiben schreiben.

    via habichkom­plettvergessentschuldigung

    Dieser Post hat eine lange Entwick­lung hin­ter sich. Erst sollte es um Schreibtech­nik und Aufwand gehen, um die Wirrun­gen des Bloggens. Irgend­wann dann, nat­u­rally, um Schreib­block­aden, ums sich selbst leer-schreiben. Zwis­chen­zeitlich kamen Notizbücher zur Sprache, das Gefühl von Tinte auf Papier und nos­tal­gis­ches Blät­tern in alten Seiten.

    Dann kam ich mit jeder Zeile einem Kern näher, einer Erken­nt­nis die mich plagte.

    Während meiner Adoleszenz habe ich mit Hilfe von Musik und Hor­mo­nen seit­en­lang schw­ere­los dahin geschrieben. Geschichten. Kom­mentare. Stream of con­scious­ness. Es kam, es flowte ger­adezu dahin. Man wird älter. Die Ansprüche steigen.

    Als ich vor fast 10 Jahren anf­ing, ins Inter­net hineinzuschreiben, hatte ich einen kleinen Blog. Ein kaum besuchter Ort im Netz, wo ich die Fre­unde aus Chats und Foren an mir und meiner sich for­menden Depres­sion teil­haben lies. Nur, dass ich damals keinen Namen für diesen Nebel in mir hatte. Dort wur­den auch die kleinen Fehden und großen Fre­und­schaften besiegelt, die uns, als erste Tee­niegen­er­a­tion mit DSL-Zugang prägten. (Foren! Chats!!).
    Dafür habe ich mich mit wirren Buch­stabenkom­bi­na­tio­nen von FTP über HTML und CSS zu CMS und PHP beschäftigt. Diese Aben­teuer bee­in­flussten let­z­tendlich meine Stu­di­en­wahl, so wie das Inter­net als ganzes in Zukunft mein Beruf­sleben bee­in­flussen wird.

    Nur, über all das bin nicht nur ich, son­dern ist auch mein Schreiben prag­ma­tisch gewor­den. Geord­net. Ein Ein­trag soll bitte ein Thema haben, ein Ziel. Und wenn mir grade nichts ein­fällt, das nicht schon in drölfzig anderen Blogs vorkam, dann lasse ich es.

    Das ist irgend­wie schade, glaube ich.

    In let­zter Zeit finde ich viele Blogs derer, die jetzt mit Schule, Fre­und­schaften und der Welt kämpfen. Ihre Tum­blrs und Blogs mit Bildern von Mäd­chen­füßen auf Asphalt und Tex­ten über Vergänglichkeit und Gefühle rühren etwas in mir, graben eine alte Sehn­sucht aus.
    Ich ertappe mich dabei, wie ich mit wün­sche, das taube Gefühl mancher Tage in einen Text zu klei­den, der nach Regen riecht und zu dem Gitar­ren­zupfen gehört.

    Die Frage ist, habe ich tat­säch­lich die Fähigkeit dazu ver­loren oder bin ich so damit beschäftigt auf vie­len Plat­tfor­men zu posten, zu disku­tieren und lustige Videos zu sehen, dass ich nicht mehr die Worte habe, um auch noch aus mir selbst ein Thema zu machen?

    Dabei lese ich selbst am lieb­sten Blogs, dir mir Geschichten aus dem Leben eines Men­schen erzählen. Wo jemand auch vor den eige­nen Befind­lichkeiten nicht halt macht, mich mit einer Schwäche kon­fron­tiert.
    Mein Auge für Geschichten ist genau deshalb eigentlich so gut wie nie. Wie ein Spürhund sehe in ich meiner Umge­bung, in meinem eige­nen Leben Stoff für eine gute Episode Leben. Und dann… kann ich sie nicht aufschreiben.

    Ist das eine Schreib­block­ade? Mit­tler­weile denke ich, es ist eine Grenzblock­ade. Alles was ich an Medien kon­sum­iere, also lese, sehe, höre , teile ich ohne­hin. Auf Twit­ter, Face­book mit den Shared Items des Google Reader. Auf Twit­ter wer­den auch die The­men des Tages durchdek­lin­iert. Was bleibt also? Die kleinen, ganz per­sön­lichen Dinge. Die Fam­i­liengeschichten, die Insid­er­witze und das eigene Gefühl.

    Es gibt da wohl etwas in mir, das diese Dinge behal­ten will. Oder zumin­d­est mein Kontin­gent an Geteil­tem ein­schränkt. Ich werde eine innere Inven­tur machen müssen, um wirk­lich her­auszufinden ob das was, oder doch das wie viel entschei­dend dafür ist, was von mir in den Net­zweiten steht. Ein­fach mal eine Diskus­sion sein lassen, einen Artikel allein für mich lesen, ohne gle­ich den Link weit­erzuleiten und am Ende schauen, fühlen, was jetzt noch raus muss.

    Also ein biss­chen so tun, als wäre ich grade erst im Inter­net angekommen.

    03
    May 2011
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    Wir Kinder vom Land wissen nicht nur, dass Kühe nicht lila sind oder: ich hab zwar keine Akademiker in der Famile, aber dafür Bauern und Metzger. Ha!

    Chris­t­ian Rach gehört zur sel­te­nen Gat­tung der intellek­tuellen Köche. Er hat ja auch lange genug Math­e­matik und Philoso­phie studiert, ist bele­sen und kann seine Ansichten tat­säch­lich entsprechend artikulieren. Neulich, hab ich im Focus (Aus­gabe 34/10) ein Inter­view mit ihm gele­sen. Darin sprach er über Esskul­tur, soziokul­turelle Hin­ter­gründe und was das alles mit Bil­dung zu tun hat. 1

    Es ist all­ge­mein poli­tis­cher Kon­sens, dass wir die Geschlecht­sun­ter­schiede aufgelöst haben. In der Arbeitswelt reden wir heute über Neu­tren, was im Grunde sehr pos­i­tiv ist. […]
    Gle­ichzeitig wur­den allerd­ings tradierte Ver­hal­tensweisen — die Frau bleibt zu Hause und kocht — aufgelöst. Essen und Trinken als Zen­trum des famil­iären Seins existieren nicht mehr. […]
    Man kann es aber auch sozi­ol­o­gisch betra­chten und sagen: die fehlende Esskul­tur in den Fam­i­lien ist eine Quelle der Gewalt. Die entsteht näm­lich, wenn man keine Möglichkeit mehr hat, sich zu artikulieren, über Liebe oder Spaß, über Frus­tra­tion oder Trau­rigkeit, über Erfolg und Mis­ser­folg. Die Fam­i­lie als Ort der Bear­beitung per­sön­licher Prob­leme ist ver­schwun­den.
    […]
    Wir müssen an den Punkt kom­men, an dem wir die Fam­i­lie wieder zulassen und wertschätzen. Egal, ob es eine selbst gewählte Fam­i­lie ist oder die Fam­i­lie im klas­sis­chen christlichen Sinne, ob es eine Mann-Frau-Beziehung ist oder eine gle­ichgeschlechtliche Beziehung. Ich bin sicher, dass in der Fam­i­lie viele Gesellschaft­sprob­leme zu lösen und zu tra­gen wären.

    AMEN.
    Ern­sthaft, ich habe dem ganzen so gut wie nichts mehr hinzu zu fügen. Wenn überhaupt, dann fällt mir dazu ein, was meine Mut­ter oft gesagt hat. “Das wäre ja nicht gegan­gen, dass da keiner ist, wenn du und deine Schwester von der Schule gekom­men sind. Du wärst ja geplatzt wegen der ganzen Sachen die du erzählen musst. Das Mit­tagessen war schon wichtig, aber die Haupt­sache war, dass jemand zuge­hört hat.” (Ätschbätsch, meine Mama ist die Beste.)
    Das Rit­ual eines gemein­samen Essens pro Tag hat zum einen die starke soziale Kom­po­nente — zum anderen die Ernährung­stech­nis­che. Schließlich betreibt man für eine Gruppe von Men­schen einen ganz anderen Aufwand bei der Zubere­itung. Zutaten wer­den wichtiger, der tat­säch­liche Wert eines Mahls wird höher. Was für jeman­den wie mich eine unglaublich sim­ple und unum­strit­tene Tat­sache ist (Kind­heit auf dem Land, sie wis­sen schon.) muss man jun­gen Men­schen heute vielfach beib­rin­gen. Meint auch Herr Rach.

    “All­ge­mein­bil­dung” gibt es bei uns nicht mehr in der Schule. Ich würde sie sub­sum­ieren unter der Rubrik “Wirtschaft”, und darin müsste es unbe­d­ingt ein Fach “Steuern” geben, so wie ein Fach “Gesund­heit und Ernährung”. […] Wir haben extrem­ste Defizite in dem Ver­ständ­nis von staatlich-wirtschaftlichen Zusam­men­hän­gen, weil sie lei­der in den Schulen nicht gelehrt wer­den. Noch ekla­tan­ter sind die Defizite in puncto Ernährung.

    Gesund­heit und Ernährung”. Darunter fällt für mich auch “wo kom­men Nahrungsmit­tel her” mit der Exkur­sion “so sieht ein Bauern­hof und so eine Massen­tier­hal­tung aus”. Womit ich — Überraschung — bei dem aktuellen Buch von Jonathan Safran Foer, Tiere essen bin.
    Vorneweg: ich habe das Buch (noch) nicht gele­sen. Nach­dem ich etliche Artikel und die bemerkenswerten Beiträge einer der Überset­zerin­nen, Isabel Bog­dan (@twitter) gele­sen habe, freue ich mich, dass hier jemand zwar informiert und erzählt, aber dafür nicht belehrt oder mis­sion­iert. Viele von uns essen zu viel Fleisch und wis­sen zu wenig darüber, wo es her kommt. Aber nicht für alle ist Veg­e­taris­mus die Antwort darauf.

    Liebe Stadtkinder: das sind Kühe

    Ich muss nochmal kurz auf die Sache mit der Kind­heit auf dem Land zurück kom­men. Der Bauern­hof meines Onkels am Ende der Straße, war die Bezugsstelle für Milch und Eier, die ich auch schon per­sön­lich aus Hüh­n­ernestern sam­meln durfte. Auf dem Rück­weg kam ich an der Weide vor­bei, dort standen die Rinder. Ich wußte rel­a­tiv bald wohin der Weg der Viecher führte und kan­nte dann auch den Schlachter. Von dem wiederum (ja gut, Bay­ern ist klein, das war erweit­erte Ver­wandtschaft) holten wir unser Fleisch. Bis ins Teenager­al­ter war mir nicht klar, dass es Fleisch und Wurst auch in abgepack­ter Form im Super­markt gibt.
    Sogar die lokalten Gasthäuser hier schlachten entweder selbst, oder bekom­men sehr hochw­er­tiges Fleisch von hiesi­gen Bauern.
    Was mir tat­säch­lich bis dato nicht klar war: ich habe einen sehr tra­di­tionellen Bezug zu Lebens­mit­teln und deren Wert. Dafür bin ich heute sehr dankbar.
    Jeder Bericht zu Leg­e­bat­te­rien, Tier­trans­porten und den schwachen geset­zlichen Regelun­gen zur Massen­tier­hal­tung macht mich zuerst trau­rig und dann wütend. Und die Wut steigert sich, wenn ich die Son­derange­bote der Super­märkte lese, wo man Auf­schnitt für Cent­be­träge verkauft. Zum Ver­ständ­nis: hin­ter jeder Scheibe Wurst steckt die Aufzucht, Schlach­tung und Ver­ar­beitung eines Tieres. Bei art­gerechter Hal­tung heißt das vor allem viel Arbeit, viel Zeit und kurze Wege. Das schlägt sich logis­cher­weise im Preis nieder.
    Ergo: nur wenn der kom­plette Ablauf so kosten-effizient wie möglich gestal­tet wird, kann Fleisch der­art bil­lig sein. Also wer­den die Tiere zusam­mengepfer­cht, gemästet, durch die Gegend trans­portiert und in der Fab­rik ver­ar­beitet. Dieser Fakt sollte in jeden Kopf der west­lichen Wert.

    Nicht Fleisch. Aber lecker.

    Ich glaube, dass es Foer auch mehr darum geht, als aus uns allen Veg­e­tarier zu machen — wir sollen nur Nahrung wieder wertschätzen. Die Deutschen geben europaweit den ger­ing­sten Prozentsatz ihres Einkom­mens für Lebens­mit­tel aus. Klar, nicht alle. 2 Aber die Sta­tis­tiken sind düster: nur 11% (Elf!)eines Haushalt­seinkom­mens wer­den im Schnitt für Lebens­mit­tel aus­gegeben. Weil Essen bei vie­len das Erste ist, an dem ges­part wird. Noch vor Elek­tronik, Urlaub oder anderem Schnickschnack. Wir kaufen das beste Motorenöl für das neue Auto, aber kaufen fröh­lich unser Olivenöl beim Dis­counter. Das nehmen wir ja nur zu uns.
    Län­der, deren Sinn für gutes Leben wir bewun­dern, wie Frankre­ich (15,7 %), Spanien (20,3%) und Ital­ien (20,4%) rümpfen da zurecht die Nase. Essen hat Vor­rang. Die Mit­tagspause findet auch nicht am Schreibtisch statt, son­dern man sitzt 2 Stun­den (!) zusam­men und genießt. Eine Woh­nung ohne Esstisch? Unvorstellbar.

    Essen erhält uns am Leben — in wahrsten Sinne des Wortes. Was wir essen, wie wir essen, mit wem wir essen — all das sagt viel über unser Leben aus. Ich bin kein großer Fan von Kochshows und irgendwelchen Trends beim Essen. Aber ich applaudiere jedem, der ern­sthaft ver­sucht unsere Wahrnehmung und unser Ver­hal­ten in dieser Hin­sicht zu verbessern.

    1. Außer­dem habe ich in dem Inter­view ein neues Wort gel­ernt. Inkom­men­su­ra­bel = die The­o­rie von der Unver­gle­ich­barkeit der Dinge. Was für ein großar­tiges Wort.
    2. Wis­sen sie noch, damals, als der Sebas noch gebloggt hat und die Leute ein gemein­sames Gespräch­s­thema hat­ten? Das war sogar noch vor Twit­ter. Irre.

    01
    Sep 2010
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