Die Macherinnen von Feminist Frequency haben sich mal die nominierten Filme für den Oscar 2012 angeschaut und frischen dabei gleich mal den Bechdel-Test auf.
Patschismus
Es ist ja immer so eine Sache, wenn das Internet lacht.
Zuletzt hat ein großer Teil des Internets über kleine Kinder gelacht. Also, deren Namen. Auf dem Tumblr-Blog chantalismus.tumblr.com werden gar herrliche Geburtsanzeigen neuer Erdenbewohner gezeigt. Und warum? Weil ihre Namen … aus dem Raster fallen.
Und — zack! — es fand sich ein Grund, nicht darüber zu lachen. Das wäre Klassismus. Klassismus?
Klassismus bezeichnet die systematische Diskriminierung bzw. Unterdrückung einer Gruppe durch eine andere, basierend auf ökonomischen Unterschieden. Diese Unterschiede basieren nach dem Klassismus-Begriff wiederum auf den einzelnen Positionen im System von Produktion und Verteilung.
Sprich: Wer über Chantal und Kevin lacht, lacht über deren Eltern, die ja zwangsweise aus einem bildungsfernen Milieu kommen müssen. Ach, müssen sie?1
Und schauen Sie, das ist die Stelle wo es für mich schwierig wird. Ich bin ja die erste die gegen Body-Snarking und Sexismus skandiert. Schließlich sind Geschlecht und der eigene Körper Dinge, die wir nur bedingt beeinflussen können. Darauf reduziert und deswegen herabgestuft zu werden empfinde ich als wirkliche Anfeindung.
Und würden wir direkt über die Kinder lachen, wäre es auch hier wohl der Fall. Für meinen Teil, und ich empfinde dass ich ausnahmsweise einer Mehrheit angehöre, lache ich über Eltern, die sich im Hormonrausch für derlei Buchstabenkombinationen entschieden haben.
Assoziiere ich dies mit deren Bildungsniveau? Nö. Aber lassen Sie mich erklären. Meine Leidenschaft für abstruse Namen existiert schon eine Weile und so habe ich mich auch schon an anderen Stellen im Internet amüsiert, wo die neuen Erdenbürger aufgezählt werden. (Wenn Ihnen mal an einem verregneten Sonntag-Nachmittag langweilig ist — die Foren, in denen werdende Mütter über Namen diskutieren sind ganz großer Sport.)
Was ich dort schnell gelernt habe: Es ist nicht nur Gelsenkirchen. Es sind nicht nur Hatz4-Empfänger. Und wer denkt, es wären nur spezifische Gruppen (Klassen), die ihren Kindern gern seltsame Namen verpassen (Du! Bist! Eine! Einzigartige! Schneeflocke!), muss dringend mehr raus in die Welt.
Oder vermuten Sie hinter den Geschwistern Mandy und Philadelphia die Eltern Herr Professor und Frau Dr.? Sie existieren. Nicht alle Akademiker nennen ihre Kleinen Emma und Paul. (Wenn die Eltern Waldorfschüler waren auch mal Emil und Paula.) Von der Spitzen-Idee Kinder Ophelia oder Ähnliches zu nennen, ganz zu schweigen. Macht es einen Unterschied ob die Kinder nach Miley Cirus oder der Lieblingsfigur aus einer Wagner-Oper benannt werden? Französischer Namens-Wahn ist nicht besser, klüger oder interessanter als englischer. Wirklich.
Es existiert auch eine Freundin meiner Schwester die überraschend und sehr jung schwanger wurde. 8 Monate lang sammelten wir Namen, einer schöner als der andere. Wir haben nur einen Moment nicht auf sie aufgepasst, da müssen die Hormone zugeschlagen haben. Ihr Töchterchen ist heute eine von 3(!) Aaliyahs im örtlichen Kindergarten. Im beschaulichen Oberbayern. Die anderen Eltern? Vom Ingenieur bis zur Krankenschwester alles dabei.
Nicht zuletzt ist “Chantalismus” ja auch sehr temporär und subjektiv.
Als Mama-Patsch seinerzeit mit mir schwanger war zum beispiel. Der betagte Frauenarzt konnte nicht genau sehen, was es wird, ging aber aufgrund der schmalen Hüften (Ha! Infam! Lüge!) davon aus, dass ich ein Junge werde.
Fortan standen zur Auswahl: Philip (meine Mutter), Franz Xaver (meine Großmutter) und Zebulon (Mein Vater. Eine Geschichte für ein andermal.). Wie sie hier lesen, kam stattdessen dann ich zur Welt und es galt zu improvisieren.
Etliche klassische Namen waren in der Verwandtschaft schon vergeben und das schwarzgelockte Mädchen sollte ja auch nicht Katharina Nummer 3, Sandra Nummer 4 oder Monika Nummer 5 in der Umgebung werden. Da fiel meiner Mutter Isabella von Lospichl ein. Zusammen mit dem Mantra “eine Putzfrau heißt nicht Isabella” (okay, da war womöglich ein Hauch Klassismus im Spiel.) wurde so mein Vorname ausgesucht.
Es konnte niemand ahnen, dass die Welt 25 Jahre später von Isabella Swan heimgesucht werden würde. (Ich habe also einen Extra-Grund Frau Meyer zu verabscheuen. Yay Me!). Wissen Sie welcher Name seitdem die Hitlisten weltweit hinauf klettert, Bildungsniveau oder nicht? Genau. Also lassen Sie uns lachen. Wenigstens bis es uns im Halse stecken bleibt.
- Mir ist natürlich klar, dass Chantalismus und Kevinismus nicht nur lustige Kennzeichen hat. Damit hat sich auch die Wissenschaft beschäftigt. Trotzdem möchte ich hier konzentriert über das Spotten, nicht den direkten Umgang reden. Da verlange ich schlichtweg von jedem zivilisiertem Menschen den gleichen Respekt. ↩
Von der Weiblichkeit des Zupfens
Angefangen hat es so:
Doch nein: Zu 99 Prozent ist anschließend die Strumphose um mindestens 90 Grad, bis zu 360 Grad spiralverdreht am Bein und ziept. Es dauert Minuten, bis sie geradeaus zurechtgezuppelt ist.
Frau Kaltmamsell beklagt die Mühe des Strumpfhosenanziehens. Zurecht.
Und auch wenn sie die Vokabel “zurechtgezuppelt” verwendet, musste ich sofort ans Zupfen denken. Und wie typisch diese Zupfende, schon in ihrer Ausführung leicht wehklagende Bewegung ist. Wie typisch weiblich auch, auf eine Art. Denn das Martyrium des Zupfens beginnt im Leben einer Frau schon arg früh. Als kleine Mädchen will die wärmende Strumpfhose unter der eigentlichen Hose zurecht gezupft werden. Auch Mützen und Handschuhe sind ständige Zupfherausforderungen.
Während das andere Geschlecht bereits hier etwas grober und mit angestrengtem Gesichtsausdruck zu Werke geht — wir zupfen.
Hinein in die Pubertät und es beginnt die nächste Disziplin im großen Zupf-Mehrkampf. Denn überschüssige Haare über der Nasenwurzel und der Oberlippe wollen entfernt werden. Die Pinzette wird unsere Verbündete im Kampf gegen die Mono-Augenbraue. Wir entwickeln Techniken und informieren uns über unterstützende Helferlein, die den Schmerz und die Entzündungen minimieren sollen. Es wird gekühlt und gepeelt, damit das Zupfen leichter fällt.
Mittlerweile kommt uns die Industrie zu Hilfe und entwickelt mit dem Epilierer ein Gerät, dessen einzige Spezialisierung das schnelle Zupfen ist. Von wegen Multifunktion. Nichts außer Zupfen. Die jungen Herren? Rasieren. Nass oder elektrisch, bluttriefend oder mit zuviel Rassierwasser. Wir Zupfen.
Und finden das nicht einmal besonders seltsam.
Ist Zupfen damit ein Klischee? Ein Stereotyp? Sind wir, auch als moderne Feministinnen, Oper einer großen Zupf-Verschwörung? Andererseits: Zupf-Instrumente. Da kommen plötzlich auch die Herren der Schöpfung zu ihrem Zupf-Grundkurs. Wobei überraschend viele auf Nachfrage das, was sie da mit einer Gitarre tun gerne “Schrammeln” nennen. Warum auch immer. Zupfen ist schließlich aller Ehren wert.
Wir seufzen, während wir auch als Erwachsene die Strumpfhose zurechtzupfen und schließlich einmal von oben bis unten über das Outfit zupfen — bis es sitzt, wie es soll. Finden wir uns selbst dann ordentlich genug, spitzen wir Daumen und Zeigefinger erneut — schließlich will der Kragen am begleitenden Herren auch zurecht gezupft werden.
Ganz so, als hätte uns die Natur das Zupfen als übergreifende, kümmernde Fähigkeit mitgegeben. Eine uralte Kulturtechnik, die sprechende iPhones hin und Laserhaarentfernung her , in allen Lebenslagen zur Geltung kommt.
Schließlich kann Zupfen auch despektierlich sein, herabsetzend.Wenn wir es wollen. Oder aufmunternd, optimistisch.Zupfen als nonverbaler Beziehungsausdruck. Da schlummern doch gleich mehrere Dissertationen, oder nicht?
Und liebevoll, wenn man der eigenen Tochter am Ende wieder die Strumpfhose zurecht zupft, damit sie rausgehen kann und mit den Lackschuhen und der frischen Strumpfhose in eine Wasserpfütze springen.
Apropos, Zupfen als verbindendes Element.
/elsewhere
Schon ein paar Tage her, aber immer noch mit großem HACH, ich durfte den Fragebogen der Mädchenmannschaft als WWW-Girl ausfüllen und war bis jetzt damit beschäftigt vor Stolz zu platzen.

