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… vom Donnerhall fast taub

January 24, 2013 Allgemein , ,

Vaticinium ex eventu

Update, weil Leser­feed­back­d­ingsi (toll!): Die Kirche ist, zumin­d­est an ihrer Spitze frauen­feindlich, homo­phob und kor­rupt — da beißt keine Maus gar nie keinen Faden nicht ab. Sie ist aber auch der Pfar­rer meiner Kind­heit, der während der Som­mer­fe­rien zweimal die Woche Freizeit­nach­mit­tage mit Hüpf­burg im Pfar­rgarten organ­isierte. Direkt neben dem Fried­hof, natür­lich. Ich bin nicht beson­ders gläu­big und wün­schte mir, es gäbe eine wohltätige Alter­na­tive für all die Hil­fen. Worum es mir geht, ist der aktuelle Trend die Kirche ins­ge­samt zu, haha, ver­teufeln. Dies hier ist ein Knoten in unser aller Taschen­tuch, dass Kirchen bei allen Fehlern eben nicht nut­z­los und überflüs­sig sind. Nicht stand heute.

Ach wissn’s, dees mit dem Wel­tun­ter­gang is mia eher wurscht. Wei, da Mühlhi­asl hod scho gsogt, dass da Rest voh da Weyd amoi brennt, aber die Jungfrau Maria hoit ihrn Mantl schützend übers Bay­ern­land. Und a weng is ja so.” (Besagter Mühlhi­asl ist eine Art bajuwarischer Nos­tradamus, fällt aber für viele hier nicht so unter Eso­terikl. Weil, dees war ja der Mühlhiasl.)

Zufälliges Symbolbild mit mittlerer persönlicher Bedeutung für die Autorin

Zufäl­liges Sym­bol­bild mit mit­tlerer per­sön­licher Bedeu­tung für die Autorin

Sie müssen wis­sen, die Kirche ist auch bloß ein Unternehmen. Nur mit ganz viel Folk­lore. Da regt es sich gle­ich viel dif­feren­zierter auf.
Ver­ste­hen sie mich nicht falsch: Ein elendi­ger, grausiger Verein. Aber auch Teil fast aller Tra­di­tio­nen und Rit­uale im ländlichen Raum. Beson­ders natür­lich im bay­erischen, ländlichen Raum. Da wird ordentlich geheiratet und beerdigt, der Ethik-Unterricht kann nur nach­mit­tags stat­tfinden und wer Tauf­pate oder Bücher­reim­it­glied wer­den will, sollte der Kirche an und für sich wenig­stens nicht feindlich gesinnt sein.

Natür­lich gibt es keinen vernün­fti­gen Grund Mit­glied der katholis­chen Kirche zu sein.
Es gibt auch keinen vernün­fti­gen Grund bei H&M von Kinder­hand genähte Lady Gaga-Shirts zu kaufen.
Und es gibt auch keinen vernün­fti­gen Grund sich jedes Jahr das neueste in stick­i­gen Fab­riken zusam­menge­baute Ding mit ange­bis­senem Apfel drauf zu kaufen. Wir alle führen ein moralis­ches Soll und Haben — Konto, wo wir den Kon­sum von Nespresso-Kapseln und bil­li­gen Jeans mit dem Fair-Trade Müsli und dem Flattr-Beitrag für Amnesty aus­gle­ichen. That’s how this whole thing works.

Die katholis­che Kirche ist let­z­tendlich auch zu groß und zu present in unser aller Leben, als das wir uns ein­fach nur darüber aufre­gen kön­nten. Also ohne das größere Bild zu sehen. Wenn wir über die Kirche schimpfen, verurteilen wir ein biss­chen auch alle, die im Namen dieser Organ­i­sa­tion arbeiten. Die Asyl gewähren und Sup­penküchen leiten. Die aus­bildende Schulen für viele soziale Berufe finanzieren. Und diese Sozialar­beiter später beschäfti­gen. Die disku­tieren und zuhören, selbst wenn man offen zugibt nicht beson­ders gläu­big zu sein. Ich habe viele meiner inter­es­san­testen Gespräche mit Men­schen der Kirche geführt und bin dankbar dafür. Einige von ihnen haben sogar wirk­lich Humor.
Auch die, die sich tat­säch­lich mit viel Elan um junge Men­schen kümmern.

Schließlich gibt es auf dem Land für junge Leute nur 4 Vari­anten durch die Adoleszenz zu kom­men. Sport (Leich­tath­letik, Fußball), Tra­di­tion ( Tra­cht­en­verein, Schützen­verein, Feuer­wehr, Blas­musik), Rebel­lion (Schachclub, die Grü­nen, Kunst) und die Kirche (Min­is­tran­ten, Chor). Das ist aus Nerd-Perspektive natür­lich ein Alb­traum, keine Frage. Aber wir sind nicht die Mehrheit. Und wenn wir vertei­di­gen, dass unsere dig­i­talen Kon­takte echt sind, dann müssen wir anderen Teilen der Gesellschaft auch ihre Kontakt-Varianten zugeste­hen. (Außer­dem gehen ohne alle aufgezählen Insti­tu­tio­nen das bay­erische Brauerei­we­sen den Bach runter und das kann nie­mand wollen.)

Und ich weiß was jetzt kommt. Höhö, beson­ders kleine Jungs, höhö.
Nur: Für miss­brauchende Priester würde ich jed­erzeit wieder die Steini­gung ein­führen. Wie die Kirche mit diesen Leuten umgeht ist zutiefst ver­w­er­flich. Und Dör­fer, die sich hin­ter einen solchen Priester stellen sind die Blau­pause des Phänomens Victim-Blaming. Das kom­plette Ver­hal­tens­muster ist ja kein exk­lu­sives Kirchen­ver­hal­ten. Ähnlich wie Homo­pho­bie wird hier die Reli­gion fälschlicher­weise vorgeschoben — ein ganz mieser Move der katholis­chen PR-Abteilung. Und es gibt viele Mitar­beiter, die das wissen.

Hav­ing said that…

…es sind auch Angestellte der Kirche, die sich diesen Opfern annehmen. Die oft überraschend engagiert für die Ver­ständi­gung zwis­chen Reli­gio­nen ein­treten. Wie dem Islam, wo wir, lib­eral wie wir sind, nicht sagen “im Namen deiner Reli­gion sind Ter­ror­is­ten unter­wegs — wie kannst du nur?!”. Wir erken­nen den Unter­schied zwis­chen einer Reli­gion, deren Reli­gion­s­ge­mein­schaft und den Fanatik­ern, die ersteres als lahme Ausrede nutzen. Ana­log dazu (haha, ana­log) kön­nten wir einem von Holzköpfen geführten Kranken­haus, das einer jun­gen Frau medi­zinis­che Hilfe ver­wehrt, zurecht vor­w­er­fen, dass es das Prinzip der Christlichkeit nicht ver­standen hat.

Wir kön­nten die katholis­che Kirche als das vielschichtige Unternehmen begreifen, das sie ist. Stattdessen hat “das Inter­net” (I KNOW) beschlossen, dass es effizien­ter ist, eine Organ­i­sa­tion ohne die große Teile unserer sozialen Auf­fangnet­zes zusam­men­brechen wür­den, grob zu beschimpfen. Ja, das hilft immer.
Mal ganz abge­se­hen von der damit ein­herge­hen­den Intol­er­anz gegenüber gläu­bi­gen Men­schen. Deren Heimat, deren Gemein­schaft wird gle­ich mal by proxy schlecht gemacht.

Bitte, wer weder gläu­big ist, noch irgen­deinen der ange­bote­nen Ser­vices in Anspruch nehmen will soll gern aus­treten. Darum gibt es diese Möglichkeit. Die Kirchen­s­teuer? Ist eine Steuer und unter­stützt damit wie alle anderen Steuern eine absurde Mis­chung aus essen­tiellen Hil­fen und abscheulichen Men­schen. Dieses Geld fließt in der­art viel Rich­tun­gen, dass einem beim Aufzählen erst auf­fallen würde, wo die Kirche überall ist. Dass wir also um sie nur schlecht herum kom­men. Dass es ohne Kirche auch kaum noch erhal­tene KircheN geben würde (Hallo, Frau Kun­st­geschichtsstu­dentin!). Dass viele ältere Men­schen ohne Kirche kein soziales Net­zw­erk mehr haben. Die twit­tern näm­lich nicht.

Aber, bevor das jetzt ausartet noch eine Bitte: Erzählen Sie von diesem Text nie­man­dem da draußen. Man würde sich Sor­gen um meine geistige Gesund­heit machen. Als würde ich jemals öffentlich ein gutes Haar an der katholis­chen Kirche lassen!

  • http://twitter.com/giardino gia­rdino

    Das waren gefühlte 70% eines Blog­beitrags, den ich seit Tagen ver­suche, im Kopf zu for­mulieren, nur deut­lich humor– und liebevoller. (Und mit eigener Erfahrung eines Lebens in der bay­erischen Prov­inz, die ich nicht habe. Aber manches trifft dur­chaus auch auf andere, städtis­chere katholis­che Mileus zu.) Danke.

  • Hammwanich

    In vie­len Punk­ten gebe ich dir recht, aber ein Punkt stört mich: Warum sollte unser soziales Netz zusam­men­brechen ohne die Kirchen? Sämtliches kirch­liches Engage­ment in dem eigentlich staatliche Auf­gaben wahrgenom­men wer­den (Pflege, Kinder­be­treu­ung etc.) wird vom Staat bezahlt. Wenn jetzt der Kinder­garten oder das Kranken­haus den Träger wech­seln (von kirch­lich zu weltlich) was passiert dann? Imho nichts. Es geht ein­fach weiter, nur vielle­icht weltof­fener und toleranter.

    Bitte ver­steh mich nicht falsch, ich möchte nie­man­dem seinen Glauben nehmen und ich möchte auch nicht alle Kirchen schließen, aber das Argu­ment das wir ohne Kirche in einem unsozialen Staat leben wür­den, greift bei mir nicht.

    • PatschBella

      Bei den mon­etären Mit­teln mag das noch stim­men, aber sobald es an die Human Ressources geht wirds eng ohne organ­isatorisches Ele­ment. Ehre­namtliche, Woch­enen­dar­beiter, etc. Sobald die Christlichkeit ins Spiel kommt erhöht sich die Ein­satzbere­itschaft. So wün­schenswert es ist, ich glaube nicht, dass man so viele Men­schen so schnell erset­zen könnte.

      • Hammwanich

        Aber wie christlich ist es, christliche Näch­sten­liebe nur im organ­isatorischen Rah­men der Kirche auszuleben? Wenn diesel­ben Men­schen die heute den Seniorenge­spräch­skreis der Pfar­rei in Roßhaupten organ­isieren das nicht tun wür­den, wenn es der Staat direkt und nicht die Kirche bezahlt, dann stimmt doch was nicht.

  • IWe

    Was für den sozialen Bere­ich gesagt wurde, gilt großen­teils auch für die Kirchenge­bäude: Die wer­den vielfach über Denkmalschutzför­der­mit­tel und andere öffentliche Geldquellen finanziert.

  • Don Alphonso

    Als mein Onkel, seines Zeichens Rek­tor am Fin­ster­walder Gym­na­sium gestor­ben ist, kam auch einer seiner Schüler zur Beer­dri­gung in Pang bei Rieder­ing, und auf dem Weg zur Kirche habe ich den schon gese­hen; Ein Goth. Wer Pang bei Rieder­ing kennt, kann sich gar nicht vorstellen, wie das ist, in so einer Gegend ein Goth zu sein. Aber das gibt es auch, und er ist gekom­men, und es war gut.

  • Fanny

    Mäd­sche, ich werde also niemals einen Ein­trag zu diesem Thema schreiben müssen/dürfen/können, weil Du alles gesagt hast. Toller Text. :)
    Übrigens wurde ich vor ein paar Jahren in Bonn auch mal in/von einem (katholis­chen) Kranken­haus weggeschickt, als ich die Pille danach haben wollte — und meine dama­lige beste Fre­undin ein, zwei Jahre zuvor in einem anderen katholis­chen Kranken­haus, eben­falls in Bonn. Glück­licher­weise waren wir nicht ver­letzt oder gar verge­waltigt; ich will das auch gar nicht ver­gle­ichen. Ich hatte das bloß total vergessen, bis jetzt der Vor­fall in Köln aufkam. Aber schon bizarr irgend­wie, dass sowas Anfang des 21. Jahrhun­dert noch passiert.

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