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… vom Donnerhall fast taub

January 5, 2013 Allgemein

Pendeln

Fensterln.

Momen­tan sitze ich viel in Zügen. Pendlerzü­gen, vom Land in die Stadt. Da sitzen um mich herum sehr viele, sehr junge Men­schen. Sie sind spät unter­wegs, weil sie die verbleibende helle Stunde nach dem Ende des gym­nasialen Schul­t­ags noch im Schnell­restau­rant ver­bracht haben. Oder lange Beruf­ss­chule hat­ten. Der Lehrbe­trieb in der Stadt ist und sie noch daheim im Kinderz­im­mer wohnen. Sich entzweien zwis­chen Verpflich­tun­gen in der Stadt und Wurzeln auf dem Land.

Während ich in mein Buch schaue, oder natür­lich ins Wis­chtele­fon starre, komme ich nicht umhin ihren Gesprächen zuzuhören. Den üblichen Lästereien über die anderen. Der Panik wegen Hausauf­gaben und Par­tys. Den “ich war so betrunken, dass..”- Sätzen. Dass diese Dinge immer gle­ich bleiben, überrascht nicht weiter.
Was mich überrascht, ist wie gle­ich auch die anderen Dinge bleiben.

Mäd­chen gehen einkaufen und backen, Jungs spie­len Fußball und zocken Playsta­tion. Ist das hier 2013? Ein­er­seits ste­hen sie für ältere Leute auf und helfen Kinder­wä­gen aus dem Zug manövri­eren, ander­er­seits machen sie immer noch Schwu­len­witze und klin­gen nicht so, als hätte der Fem­i­nis­mus entschei­dende Schritte getan. In mir brodelt es dann immer so ein biss­chen. (Apro­pos ganz was anderes: sagt man da jetzt brodert? Ist das schon ein Verb? Ich ver­liere vol­lkom­men den Überblick.)
Dor­fkind­heit in allen Ehren, aber diese Kids (Ich habe ger­ade ‘Kids’ geschrieben. Huch, übers neue Jahr alt gewor­den.), haben doch auch mehr als alle Gen­er­a­tio­nen vor ihnen Zugang zu frischem Gedankengut. Das ist also diese Fil­ter­bub­ble, denke ich und hin­ter mir kichert eine Mäd­chen­gruppe über das Facebookstatus-Update einer nicht anwe­senden. Face­book, Google, Ama­zon. Die Fil­terblase dieser kaum 20jährigen Men­schen ist bemerkenswert klein.

Dann sitze ich da, schaue aus dem Fen­ster und frage mich, wie man das überwinden kön­nte. Vor dem Fen­ster rauscht ein fönbe­d­ingtes Berg­panorama vor­bei. Mei, sovui schee. Eine fuck­ing Idylle. Kön­nte ich mich in diesem Augen­blick sofort in mein Wun­schleben verpflanzen lassen, es fände gar nicht mal unbe­d­ingt in der Stadt statt. Es gäbe per­fekte Zugan­bindun­gen, natür­lich und DSL-Werte aus der Zukunft. Aber es hätte ver­mut­lich einen Aus­blick auf denn Inn und nicht die Isar, den Mark­t­platz einer kleinen Alt­stadt und nicht des Vik­tu­alien­mark­tes. Mein ich von vor 10 Jahren wäre stock­sauer und würde ‘Frühver­greisung!’ brüllen, aber so ist es jetzt grade eben. Das ist mein Anknüp­fungspunkt zum Leben dieser jun­gen Men­schen. Die pla­nen gar nicht unbe­d­ingt die Land­flucht. Nicht aus Bay­ern, wo es auch auf dem Land Aus­bil­dungsstellen und noch Bauland gibt. Bis mitte 20 sind die selbst im Verein und keine 10 Jahre später melden sie ihre Kinder an. Der Lauf der Dinge.

Jeden­falls, Fil­terblasen. Ich überlege woher diese jun­gen Men­schen ihre Infor­ma­tio­nen bekom­men. Sie haben keine Twitter-Accounts mit denen sie break­ing news von BBC fol­gen. Aber um 20:00 Uhr Tagess­chau — auch unwahrschein­lich. Natür­lich gibt es auch unter ihnen die Nerds, die Exoten. So wie ich einer war. Tech­nikbegeis­tert, pop­kul­tur­af­fin und verzweifelt, weil ein Leben ohne all die Kon­sum– und Kul­tur­möglichkeiten der Stadt so sinn­los erschien. Die wird es immer geben. Sie machen Abitur und dann ab durch die Mitte. Zum Studium am besten nach Berlin oder gle­ich ins Aus­land und sie wählen die Grü­nen und wollen die Welt verän­dern. Ein paar machen es dann auch so. Der Rest kommt irgend­wann zurück und grün­det eine Fam­i­lie, weil die Kinder doch bitte auch auf dem Land aufwach­sen sollen und wenn man in Mies­bach die Grü­nen oder gar die Piraten wählt, ist man Rev­oluzzer genug.

Holz mit Aussage

Lehrer müssten zwangsweise Social­Me­dia ler­nen und überhaupt gehören die Schratzen eher und drama­tis­cher mit für sie exo­tis­chen Lebensen­twür­fen kon­fron­tiert. Wie soll denn sonst eine Gesellschaft voran kom­men? Oder?
Dann frage ich mich, wie wichtig es ist, dass mein Bäcker oder Met­zger, mein Instal­la­teur oder Zim­merer sich poli­tisch kor­rekt aus­drücken. Ob ihr leichtes Hin­ter­her­hinken in Sachen Tol­er­anz, und es ist wirk­lich nur ein Hinken — sie kom­men am Ende nicht drum­rum — der Preis ist, denn ich dafür zahle, dass es sie gibt.
Und ob es tat­säch­lich diese Men­schen sind, die beson­ders viel Schaden anrichten. Ja, sie wählen die CSU und hadern damit, ob homo­sex­uelle Paare Kinder adop­tieren dür­fen sollen. Nur, wenn ihnen ein solches Paar begeg­net, wenn sich jemand in Ihrer Umge­bung als Veg­e­tarier outet — dann ändert das genau gar nichts an ihrem Ver­hal­ten ihnen gegenüber. Weil, poli­tisch kon­ser­v­a­tiv kann man sein, aber desweng is ma no ned unfreindlich zu de Leid. Ein ver­wirren­des Ver­hal­ten.
Die Mäd­chen hin­ter mir betreiben während­dessen astreines Slut-Shaming. Zwei junge Her­ren weiter vorne ver­suchen mit physikalis­chen Ken­nt­nis­sen das Tor von Zla­tan Ibrahi­movic zu erk­lären. Ich gucke in mein Wis­chtele­fon, wo andere 17jährige in meiner Twitter-Timeline ihren Hor­mo­nen dank amerikanis­cher Fernsehse­rien, Tum­blr und homo­ero­tis­cher Fan­fic­tion fröh­nen. Die gibt es ja eben auch. Sie sind aufgek­lärt und inter­essiert, aber sie has­sen auch das Land auf dem sie her­anwach­sen. Das tun die Mädels hin­ter mir nicht. Sie finden München zu hek­tisch, in Rosen­heim kann man ihrer Mei­n­ung nach besser einkaufen und der Latte Mac­chi­ato ist dort auch nicht besser als im Lieblingscafe der Heimat­ge­meinde, 3000 Einwohner.

Der Zug hält, an einem Kaff das so klein ist, dass es nur eine Bedarf­shal­testelle hat. Zwei der Mäd­chen steigen aus, sie verabre­den sich zum Facebook-Chat nach­her. Ich kön­nte mit einer ordentlichen zweidrittel-Wahrscheinlichkeit die näch­sten 10, 15 Jahre ihres Lebens vorher­sagen. Mit Anzahl der Kinder und dem Liebling­surlaub­sort an der Adria.
Ich schaue wieder auf Twit­ter.
Junge Frauen mit Avataren auf denen ihre Mün­der abge­bildet sind, schreiben darüber, dass sie gern knutschen wür­den, aber keiner da ist. Die jun­gen Män­ner (Profil-Avatar) kom­men ger­ade aus der Agen­tur. Hash­tag #Feier­abend­bier.
Einer der Zlatan-Jungs vorne sagt, dass sich darauf freut später mit seinem Sohn in die Allianz Arena zu gehen. Er denkt gar nicht darüber nach. Fam­i­lie grün­den, Kinder bekom­men, Haus bauen. Sie haben keine Ahnung wer Kristina Schröder ist, es ist ihnen auch kom­plett egal. Sie machen Schwu­len­witze, so lange, bis sich einer der Kumpels outet.

Der Zug hält und ich steige mit einem der Jungs aus. Seine Mut­ter war ger­ade noch beim Kramer und holt ihn am Rück­weg ab. Sagt zu ihm, dass er der Oma noch Holz rein­tra­gen soll, dann ist auch noch was vom Braten da. Meine Twitter-Timeline guckt Darts. Ich gehe nach Hause.

  • spyri

    Ich scheine da schon, oh Schreck, weiter zu sein, dachte mir näm­lich just neulich angesichts einer ähnlichen ÖPNV-Szenerie, dass deren Jugend mit meiner sehr wenig gemein hat. Ich erkenne, dass sich natür­lich das gut tradierte Prinzip des Tratschens und Gemein­heiten über nicht Anwe­sende aus­tauschen wohl nur auf neue Medien ver­lagert, aber drei 15-jährigen dabei zuzuse­hen wie sie alle in ein Tele­fon guck­ten, sich nur über dort gese­hene Inhalte aus­tauschten, ohne sich gefühlt auch nur ein­mal in die Augen zu sehen war … befremdlich und abschreck­end. Vielle­icht sind es tat­säch­lich die 5 Jahre (?) die ich dir voraus habe, vielle­icht auch die Tat­sache, dass die von dir vorge­brachten “ver­wurzel­nden” Nebe­naspekte für mich in dem Moment so nicht sicht­bar waren. Auf jeden Fall hat mich das mas­siv irritiert.

    • PatschBella

      Die Zeit ist mit Sicher­heit ein Fak­tor. Ein anderer ist schlicht die Struk­tur. Wir reden hier von Gegen­den, wo es auch Kilo­me­ter ohne Daten­net­z­ab­deck­ung und noch nicht­mal DSL gibt. Diese Gen­er­a­tion kann sich beispiel­sweise gar nicht auf das GPS ihre iPhones ver­lassen, weil da wo sie feiern nicht­mal EDGE existiert (Sprich, im aus­ge­bauten alten Käl­ber­stall eines 3 Häuser Weilers.)

      Wäre inter­es­sant zu sehen, was hier passieren würde, hät­ten wir swedis­che Ver­hält­nisse mit Wlan überall.

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  • Nina

    Okay, ver­giss meine Nachricht. Nicht München, ist klar. Hüb­sches Stück Text. Trotz­dem mal Kaf­feetrinken? In Rosen­heim? Oder wo auch immer?

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