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… vom Donnerhall fast taub

January 16, 2013 Allgemein , , ,

BER — STR

Oh toll, du hast Berliner mit­ge­bracht!“
Ich stelle die Schachtel mit dem hal­ben Dutzend an Gebäck­stücken hin. Nein, habe ich nicht.
Die Krapfen glänzen noch ein biss­chen und zwis­chen den ersten Bis­sen debat­tiert die Frauen­runde jetzt natür­lich die kor­rekte Beze­ich­nung. Es ist ein übliches, erwartetes Rit­ual. Wer zuerst Pfannkuchen sagt, ist raus. Inner­lich bin ich kurz dankbar für die Faschingszeit, in der meine Mit­stre­i­t­erin­nen auch ein­fach mal über die gefüll­ten Kugeln freuen, anstatt ihren Kalo­rienge­gen­wert zu erläutern. Wir beißen syn­chron in die Hefeteigstücke und eine Wolke von Pud­erzucker verteilt sich über den Tisch. Der Krapfen kön­nte saftiger sein. So wie früher. Sie waren doch früher besser, oder? Gebäck ist meine per­sön­liche Nostalgiefalle.

Ich denke an Wol­fang Thierse und die Schrip­pen. An Fleis­ch­pflanz­erl und Sem­meln, Knödel und Leberkäse und was es über uns aus­sagt, wie ernst wir diese regionalen Beze­ich­nun­gen nehmen. Als ich 12 oder 13 war, musste ich zum ersten Mal auf einer Karte “Fleis­chkäse” lesen. Ich hatte keine Ahnung was gemeint war. Eine Bil­dungslücke? Vielle­icht, wenn ich heute noch nicht wüsste was sich dahin­ter ver­birgt, würde es mich bei der Beze­ich­nung “Hawaipizza-Fleischkäse” weniger schüt­teln. Genauso war mein erstes Jahr in Ulm von kon­stan­ter Kon­fu­sion geprägt. Warum wer­den hier See­len gegessen und bin ich ein schlechter Men­sch weil ich Maultaschen für überbe­w­ertet halte? (Ern­sthaft, wagen Sie es mal in schwäbis­chen Gefilden Zweifel daran zu äußern, dass man Maultaschen IMMER und ZU ALLEM essen kann.)

Würde ich heute zum Beispiel in den Nor­den Repub­lik ziehen, täte ich an Servus und Grüß Gott und natür­lich den Sem­meln fes­thal­ten? Halte ich damit meine Wurzeln in Ehren oder ver­weigere ich die Migra­tion? Wir sind schon ein putziges und lei­dlich neu­ro­tis­ches Volk. Weil Migra­tionspoli­tik dif­fizil und kon­tro­vers ist, ver­legen wir die sym­bol­is­che Diskus­sion nach Innen. Wobei, wer ist schon wir. Der fast vergessene Thierse ist nur der neuste alte Mann, der mit absichtlich-grenzwertiger Rhetorik nach ein biss­chen Aufmerk­samkeit lächzt. Dabei ist der Schwabe in Berlin auf der Skala der Ander­sar­tigkeit für viele nicht so weit weg vom Türken in der Oberp­falz. Fremde Reli­gion, andere Nahrungsmit­tel und Gebräuche, die man nicht sofort nachvol­lziehen kann. Hash­tag #Kehrwoche. Es ist ein Seil­tanz. Wer zu ernst auf den Lokalkolorit besteht, wird schnell als prov­inziell abgestem­pelt. Und prov­inziell will man nicht sein. Schon gar nicht in Berlin. Ein­er­seits sind wir alle längt glob­al­isiert und wollen über diesen Din­gen ste­hen, ander­er­seits machen wir die Witze über spießige Schwaben und ver­peilte Haupt­städter als wäre es ein Religionsersatz.

Ich mag regionale Eigen­heiten. Nicht nur die meiner bajuwarischen Heimat. Als Ange­hörige eines Volksstammes, der oft wegen zu vieler Bräuche und erfol­gre­icher Eigen­heiten verspot­tet wird, bin ich da sehr tol­er­ant. Wenn es nach mir geht: Mehr Feiertage für alle! Ich ver­stehe viele solcher Tra­di­tio­nen nicht aber finde es den­noch gut, wenn man ver­sucht sie zu erhal­ten. Sogar, dass sich die Diskus­sion am Essen entzün­det, ist eigentlich eine ganz cle­vere Vari­ante — jeder isst gern. Vielle­icht, wenn wir über Schrip­pen und Sem­meln und Wecken reden, reden wir dem­nächst über Bäcker und uni­forme Tei­glinge, die aus Fab­riken kom­men und in der Bestell­form des Großliefer­an­ten Brötchen heißen. Par­maschinken heißt so, weil er aus Parma kommt. Die selbe Regel gilt für Cham­pag­ner und die Nürn­berger Bratwurst. Das wer­den regionale Eigen­heiten, Beze­ich­nun­gen und Her­stel­lungsarten zum Marken­schutz. Zum Qual­itätsmerk­mal.
Eigen­na­men und Dialekte hat­ten immer schon zwei Funk­tio­nen: 1. die Iden­ti­fizierung und Stärkung der Verbindun­gen im Inneren. 2. Die Abgren­zung nach Außen. Wenn ein schwäbis­cher Bäcker nach Berlin zieht und dort Sem­meln nach seinem Rezept macht — sind es dann Schrip­pen? Und wenn der bay­erische Fran­chisenehmer einer Backshop-Kette von München nach Ham­burg wech­selt — macht das noch irgen­deinen Unter­schied? Ich esse gern Falafel mit Hum­mus. Frit­tierte Bohnen­püreek­löße mit Kichererb­sen­paste. Nur, dass nie­mand diese Auf­schrift auf einer Tafel fordern würde. Wäre auch ver­dammt lang.

Wenn der Berliner Flughafen eines Tages fer­tiggestellt sein wird, werde ich dort einen ordentlichen Döner bekom­men. Genauso wie Burger und Frit­ten, Sushi, Cur­ry­wurst, wom­öglich Fish and Chips und ver­mut­lich auch Krapfen, äh, Pfannkuchen und eine But­ter­brezn. Wobei die höchst­wahrschein­lich in einer mis­er­ablen Back­shop­kette dann 1,40€ kostet. Die Chance, dass der geneigte wie ver­has­ste Tourist eine echte Bulette in einer echten “berliner” Schrippe bekommt, sind eher schwer zu schätzen. Auch die Snack-Tauglichkeit von Maultaschen ist mir spon­tan nicht geläu­fig. Eine leere Beze­ich­nung allein setzt sich nicht ein­fach so durch. Da kann sich Herr Thierse auf den Kopf stellen. Aber vielle­icht ist er ja der Grün­der einer Peti­tion, die sich für die Bevorzu­gung von regionalen Läden und Marken im Willy Brandt — Flughafen ein­setzt. Dann will ich nichts gesagt haben.

Mit tropft Mar­il­len­marme­lade auf den Ärmel. Das ist beim Krapfe­nessen immer so. Der Pud­erzucker ist mit­tler­weile überall verteilt. Hätte auf der Schachtel Berliner oder gar Pfannkuchen ges­tanden, ich hätte genauso hinein gebis­sen und stattdessen wäre mir dann eben Pflau­men­muss auf den Ärmel getropft. Ich kann auch sehr gut damit leben, dass der prä­pari­erte Faschingskrapfen mit Senf aus der Mode kommt und es stattdessen öfter welche mit Vanillepud­ding gibt. Nicht jede Tra­di­tion muss unbe­d­ingt überleben.
“Im Rhein­land,” sagt die L. zwis­chen zwei Bis­sen, “ist gar keine Marme­lade drin. Nur Rosi­nen.“
Rosi­nen? Das geht jetzt zu weit.

  • http://twitter.com/anneschuessler anneschuessler

    Wenn da im Rhein­land Rosi­nen drin sein soll­ten, dann sind das sowieso keine Berliner, son­dern Krapfen. Berliner sind die großen, hüb­sch geformten, also die Donuts mitohne Loch, gefüllt mit Marme­lade oder wenn’s ganz schlimm wird, mit Eier­likör­creme oder ähnlichem Unsinn.

    Berliner heißen hier Krep­pel. Und der Pfannkuchen-Streit kam im Büro auch regelmäßig, kaum zu ver­mei­den, wenn man mit einem Hes­sen, einem Rhein­län­der, einem Berliner (haha!) und einem Sach­sen zusam­me­nar­beitet. Der Kon­flikt ist da quasi vor­pro­gram­miert, dafür kriegt man aber auch mal Halorenkugeln mit­ge­bracht, das entschädigt dann ein bisschen.

    Aber Berliner haben hier auch keine Rosi­nen. Nur Krapfen. Wobei Krapfen eben nicht Berliner sind, son­dern Krapfen. Also was anderes.

    Hach. Es ist kompliziert.

    • http://twitter.com/anneschuessler anneschuessler

      Also, mit hier meine ich, hier in Hes­sen, da wo ich ger­ade bin und Kol­le­gen mal gerne Berliner… ääääh… Krep­pel… äääh… Krapfen mit­brin­gen. Im Ruhrge­biet heißen sie Berliner.

    • http://twitter.com/anneschuessler anneschuessler

      Brötchen heißen an Rhein und Ruhr übrigens Brötchen. Es sei denn, sie sind klein und aus Roggen, dann sind’s Röggelchen, aber nicht überall. Meis­tens sind es ein­fach Brötchen.

      So. Ich bin jetzt durch, glaub ich.

  • http://1ppm.de/ Johannes

    Ich als Franke im Rhein­land darf ja mitre­den. Die größte Her­aus­forderung beim Bäcker war tat­säch­lich die Umstel­lung von Krapfen zu Berliner.

    BTW, ist Mar­il­len­marme­lade nicht aus Aprikosen?

  • don­va­none

    Ich als Rhein­län­der, den es vor über 11 Jahren nach Ulm ver­schla­gen hat (und die Sache mit den See­len, Wecken, Sem­meln (und “Her­ren­broten”) daher sehr gut ver­ste­hen kann, die Kehrwoche aber immer noch nicht…) muss mal anmerken, dass ich noch nie von Berlin­ern (!) gehört habe, die mit Rosi­nen gefüllt sind. Kenn ich hier wie dort nur mit Marmelade.

  • http://natalie.springhart.de/ Natol­lie

    In der Schweiz, okay, in dem Gebiet des Kan­tons Bern, aus dem ich komme, heißt das Berliner. Und ist mit Him­beer­marme­lade gefüllt. Mag sein, dass es in anderen Schweizer Gegen­den anders genannt wird. Ich passe mich mehrheitlich den lokalen Gegeben­heiten hier an, d.h. da wird halt eine Fleis­chkäsweck bestellt, aber zwei Fra­gen sind für mich immer noch nicht geklärt:

    1.) Wo liegt eigentlich die Radler-Alsterwassergrenze geographisch?

    2.) Warum nennt ihr das Gemüse Paprika, wenn doch Peper­oni lin­guis­tisch viel kor­rek­ter wäre?

    Ich hoffe, diese Fra­gen begeg­nen mir nicht dere­inst beim Ein­bürgerung­stest. Ceterum censeo, dass Deutsch­land drin­gend ein eigenes Chochichästli-Orakel braucht: http://​dialects​.from​.ch/

    • http://twitter.com/anneschuessler anneschuessler

      Das mit dem Radler und Alster hat­ten wir neulich mal, zumin­d­est in Bonn, wo ich während des Studi­ums gekell­nert habe, gibt es bei­des, ich glaube Radler ist mit Fanta und Alster mit Sprite oder umgekehrt, kon­nte ich mir nie merken. Aber das scheint auch wieder so ne Beson­der­heit zu sein, bzw. die Fan­tavari­ante ist wohl nicht überall bekannt.

      • http://natalie.springhart.de/ Natol­lie

        Hm, hier im Süden ist ein Radler ein Bier mit Zitro­nen­limo — Google behauptet, Radler als Bier mit Fanta sei eher etwas Öster­re­ichis­ches. Ich kön­nte natür­lich jetzt noch den Schweizer Begriff “Panaché” in die Runde wer­fen, um vol­lends Ver­wirrung zu stiften. Und dann gibt’s natür­lich, zumin­d­est in meiner ange­heirateten Fam­i­lie, die süße Schorle und die saure Schorle. Süße Schorle ist unl­o­gis­cher­weise mit Min­er­al­wasser, saure Schorle ist mit — gesüßter — Zitronenlimo.

        Kurz: Gnaaah.

        • Car­men

          Als Rhein­län­der im Schwaben­land und Kneipen-Nebenjobber: Das mit der Schorle ist genau anders rum. Süße Schorle = Weiß– oder Rotwein mit Zitro­nen­limo, saure dafür mit Sprudel. Ersteres finde ich ekelhaft.

          • http://natalie.springhart.de/ Natol­lie

            Stimmt, das hab ich durcheinan­der gebracht. Man kön­nte es doch viel leichter machen und die Zitronen-Weinschorle gle­ich abschaf­fen. Brrr!

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  • michel

    Also im Ruhrpott heißen die auch Berliner und sind wie bei euch auch mit Marme­lade gefüllt. Das andere Fettge­bäck sind Krapfen, die sind hier auch mit Rosinen.

    Und die Sache mit dem Radler und Alster ist hier auch so, dass Radler mit Sprite und Alster mit Fanta gemis­cht wird.
    Also alles recht unspek­takulär. Brötchen sind ein­fach Brötchen, keine Sem­meln, Schrip­pen oder sonst was.
    Aaaaber was es hier gibt (nicht im ganzen Ruhrpott, son­dern nur in Mül­heim): einen Puh­mann! Das ist ein Weck­mann, Stutenkerl oder wie auch immer man das bei euch nennt. Damit kon­nte ich zu meiner Zeit in Köln immer für viel Gelächter sorgen.

  • Ham­burger

    Jeder isst gern.” Da muss ich Dir wider­sprechen. Ich esse nicht gerne. Für mich ist das lei­der zum Überleben notwendi­ges Übel, aber wenn es ginge, würde ich die Zeit lieber anders nutzen als mit Essen. Es nervt mich ger­adezu, dass man sich jeden Tag um diese blöde Ein­rich­tung des men­schlichen Lebens küm­mer muss. Schade, dass nicht Sauer­stoff alleine genug Energie liefert, so dass man nicht so extrem viel Leben­szeit mit Essen ver­brin­gen müsste. Ich weiß, mit diesem Empfinden bin ich sehr alleine in der Men­schheit, aber es ist jetzt keine erfun­dene Story, um zu provozieren. Ich bin wirk­lich ein echter Nichtgernesser.

  • http://twitter.com/bunkinho Math­ias

    Das mit den Rosi­nen ver­steh ich. Aber warum STR? Bin ich da zu blöd? Für mich steht das für Strausberg,

    • http://twitter.com/PatschBella Isabella Don­ner­hall

      Na, weil das die Abkürzung für den Stuttgarter Flughafen ist. Berlin-Stuttgart. Gut, wenn man seine Überschriften erk­lären muss, sind sie meist nicht beson­ders gut.