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… vom Donnerhall fast taub

October 15, 2012 Allgemein

Wohlfühlmethadon

Ich liebe die Wis­senschaft. Ern­sthaft, ich bin ein großer Fan von Physik und Chemie, von Inge­nieuren und Biolo­gen. Wis­senschaft erk­lärt die Welt und verbessert unser Leben in unfass­bar vie­len Bere­ichen.
Hätte man einen Men­schen der 1912 mein Alter hatte gefragt, wie es wohl in 100 Jahren aussieht — hätte dieser Men­sch auch nur den Hauch einer Ahnung gehabt, dass wir uns heute gern darüber beschw­eren, dass Dinge nicht AUF DER STELLE ver­füg­bar sind und wir unver­schämter­weise einen vollen Tag auf die High Res­o­lu­tion BlueRay Kom­plettse­rien­box warten müssen?
Eher nicht.
Und lassen sie mich gar nicht erst anfan­gen über Dinge wie medi­zinis­chen Fortschritt zu reden. Da werde ich zum Cheer­leader.1

Was ich sagen will: Die Wis­senschaft ist für mich der Inbe­griff von Fortschritt, von Zukunft. (Auch von Klarheit, weil sich so ein Molekül nicht erst posi­tion­ieren oder verorten muss.) Und natür­lich ist nicht alles super was diese her­vor bringt. Wir wer­den uns auch weit­er­hin neuen ethis­chen Fra­gen stellen müssen und wer­den immer wieder darüber debat­tieren welcher der richtige Weg ist.
Aber ich glaube, so generell, wird die Zukunft super. Atom­are Wel­tun­ter­gangsszenar­ien mal ausgenom­men. Im Übrigen braucht es Men­schen denen die Zukunft pos­i­tiv am Herzen liegt, sonst wird irgend­wann schlicht nicht mehr geforscht und entwick­elt. (Und sich fortgepflanzt!)

Die Sache ist die: Mit der Aus­nahme von vere­inzel­ten ScienceFuckYeah-Momenten wie lusti­gen Robot­ern auf dem Mars und Men­schen mit kün­stlichen Extrem­itäten bei den Par­a­lympics scheint mir der Zukun­fts­glaube in Gefahr. (Okay, und wirren Öster­re­ich­ern die aus großen Höhen für Brause­hersteller sprin­gen. Isjagut.)

Wir hän­gen an der Nostalgie-Nadel. Iro­nis­cher­weise ins­beson­dere diejeni­gen von uns, die sich mit Elan ins Inter­net und die social Net­works wer­fen. Wo wir dann Katzen­bilder mit Flausch-Filter, Kuchen­rezepte und anderen Vintage-Kram teilen. Sogar die 8bit sind wieder da! Früher war ALLES SUPER. Oder so.

Hm.

Wobei, reden wir erst­mal kurz darüber wer “Wir” sind, denn wir vergessen sehr oft, dass wir weder eine Mehrheit noch beson­ders repräsen­ta­tiv sind. Mich würde ja ein Tag inter­essieren, an dem sämtliche Stu­den­ten, Agen­tur­mi­tar­beiter, IT-Menschen und diejeni­gen aus dem erweit­erten Medi­en­feld, sagen wir mal Print und PR nichts im Inter­net anstellen dürften. Wer bleibt da eigentlich übrig? Und worüber würde gere­det, wie würde es dargestellt? Meine Twitter-Timeline zumin­d­est wäre um min­destens die Hälfte gekürzt. Wohl eher zwei Drit­tel. Auch sonst glaube ich, dass “unser” Inter­net dann ein anderes wäre.

Wir also, die sich für gesellschaftlichen Plu­ral­is­mus begeis­tern, noch an Migra­tion und Gle­ich­berech­ti­gung glauben, für ein faires Urhe­ber­recht und Möglichkeiten für alle ein­set­zen, und sei es nur dig­i­tal, haben uns gle­ichzeitig ein flauschiges Par­al­lelu­ni­ver­sum voller warmer Erin­nerun­gen gebaut. (Und dann Pin­ter­est. Aber das ist eine eigene Baustelle.)

Was ich ver­ste­hen kann. Ich gehöre schließlich zu denen, die sogar gewisse selt­same Tra­di­tio­nen gern erhal­ten und für die ein Rin­gen um Bestand und Entwick­lung von Tra­di­tio­nen ein Zeichen für einen gesun­den kul­turelle Aus­tausch gehört. Ich mag es, dass wir darüber disku­tieren wo Tra­di­tion und Reli­gion sich tren­nen soll­ten (haha, tren­nen. Gut, dass ich keine Vorhaut habe über die ich an dieser Stelle Witze reißen könnte.)

Und natür­lich liebe ich Katzenbilder.

Dabei sind wir nicht generell pes­simistisch. Kri­tisch und unsicher ja, aber nicht durchge­hend neg­a­tiv ges­timmt. (Obwohl wir ver­dammt viele Lieferser­vices am Leben erhal­ten, ins­beson­dere wenn wir die Bestel­lung kom­plett ohne men­schlichten Kon­takt abwick­eln kön­nen.)
Aber dieses leichte Unwohl­sein in mir will nicht wegge­hen.
Was wohl viel mit der Tonart der momen­ta­nen Nostalgie-Welle zu tun hat. Die ist lieblich und süß, fast kle­brig und deswe­gen so ein­lul­lend.
Dabei merken wir manch­mal nicht, dass eine Nostalgie-Welle auch eine Bewe­gung sein kann. Dass wir in west­lichen, indus­tri­al­isierten Län­dern noch und immer wieder und, so mein Empfinden, häu­figer über eigentlich selb­stver­ständliche, mod­erne Frei­heiten diskutieren.

In den US of A, dem heili­gen Land des Fortschritts hängt ein nicht geringer Teil der näch­sten Wahl davon ab, ob man(n) Frauen das Recht auf kör­per­liche Selb­st­bes­tim­mung lassen will. Ob Homo­sex­uelle wirk­lich gle­ichgestellt wer­den sollen. Und mein per­sön­licher Liebling der amerikanis­chen Prov­inzpoli­tik: Ob wirk­lich alle an die wis­senschaftliche The­o­rie der Evo­lu­tion glauben (!). Unter dem Man­tel der freien Rede ver­sucht eine größer wer­dende Gruppe ihr rück­ständi­ges Welt­bild voller Dog­men und Reli­gion zu ver­bre­iten. Europa liefert sich diese Diskus­sion ger­ade mit dem Islam, in den USA erobern die christlichen Split­ter­grup­pen das Parlament.

Auch deren Anhänger stellen Katzen­bilder ins Netz. Mit Flauschfil­ter. Wie Treib­holz das von der Nostalgie-Welle an den Strand gewor­fen wird, unter­wan­dert ihr ‘nos­tal­gis­ches’, rück­ständi­ges Gedankengut unsere Zukunft. Bevor man sich ver­sieht ver­schaf­fen sie sich so Gehör und pochen darauf berück­sichtigt zu wer­den, bei der Pla­nung der Zukunft. Dass wir ihren zarten Gemütern nicht zuviel Entwick­lung zumuten. Sie sich nicht sofort von ihren sex­is­tis­chen, homo­phoben und dif­famieren­den Denkmustern ver­ab­schieden müssen.

Ich weiß. Wer gern Serien über eine Wer­beagen­tur in den sechziger Jahren schaut und Schwarzwälderkirsch-Muffins backt und Fil­ter über seine Fotos legt ist doch noch kein fun­da­men­taler Irgend­was! Im Gegen­teil! Natür­lich nicht. Aber das ist die Sache mit der Ver­net­zung. Die Begeis­terung für ‘Damals’ kann eine pop­kul­turelle Vor­liebe sein. Oder ein Zeichen dafür, dass das eigene Welt­bild auch aus der Zeit kommt.

Das einzige worauf die zweite Gruppe nicht so gut anspricht: Auf die Zukunft. Auf eine stete Entwick­lung hin zu einer offe­nen, demokratis­chen, frei­heitlichen Gesellschaft. Der beste Weg also, sich von ihnen zu dis­tanzieren ist möglichst diese her­auf zu beschwören. Mit dem Hin­weiß darauf, was sich schon alles getan hat (Frauen­wahlrecht, don’t ask don’t tell, etc.) enthu­si­astisch zu wer­den ob all den Din­gen die erst noch kommen.

Vielle­icht wird es Zeit wieder ein biss­chen größer zu denken, wieder anmaßende Ansprüche an die Zukunft zu stellen. Und zwar so laut, so drastisch und prag­ma­tisch, dass die Rück­ständi­gen nur noch nach Luft schnap­pen und nicht dazu kom­men sich zu äußern.

Möglicher­weise müssen wir dafür auf eini­gen Zuck­er­guß, auf ein paar Polka­dots und Bilder von Schreib­maschi­nen verzichten. (Wärt ihr wirk­lich Vin­tage, hät­tet ihr Fed­ern und Tin­ten­fäßer!)
Nicht alles was futur­is­tisch ist, muss Sci­ence Fic­tion sein.

Wenn mich jemand fra­gen würde, wie das Leben einer jun­gen Frau im Jahr 2112 wohl ausse­hen kön­nte: Es ist voller Möglichkeiten, weil mehr Men­schen Zugang zu Bil­dung haben wer­den schneller Fortschritte gemacht. Men­schen haben unab­hängig von Alter, Rasse und Geschlecht die Chance ihr Leben so zu gestal­ten, wie sie es für richtig hal­ten. Tech­nolo­gie hilft dabei noch vorhan­dene Hür­den abzubauen. Und Reli­gion hat die Funk­tion von Märchen. Geschichten die davon erzählen, wie die Welt früher ein­mal war. Ein gruseliger, dun­kler Ort.

  1. Ern­sthaft, ich kann mir heute nor­male Schuhe kaufen, weil ein Prof. Dr. med Dipl. Ing. (ja, die gibt es) sich darauf spezial­isiert hat Men­schen mit komis­chen und zu kurzen Extrem­itäten zu helfen. Medi­zinis­cher Fortschrit FTW!