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… vom Donnerhall fast taub

May 21, 2012 Allgemein , , ,

über das Verlieren

Paul Gas­coigne, ver­mut­lich nach Elfme­ter­schießen. (ich ertrage noch keine FCB-Bilder)

Dieser Ein­trag liegt mir eigentlich schon eine Weile auf der Seele. Und ich dachte, och, das hat ja Zeit. Aber ich weiß nicht, ob sie’s mit­bekom­men haben, da war so ein Fußball­spiel am Sam­stag. Und das Team an dem mein Herz hängt, nun ja. Und jetzt muss es doch raus.

Und um ehrlich zu sein mag ich jetzt gar nicht darüber reden wie tief trau­rig ich bin. Und wie mir die Bilder von Bas­t­ian Schwe­in­steiger immer noch das Herz zer­reis­sen. Auch das philoso­phieren über das Glück/Pech, Elfme­ter­schießen und ego­man­is­che Hol­län­der mag mir ger­ade keinen Spaß machen.

Aber ich glaube, wir müssen mal übers Ver­lieren reden.
Denn was ich so gele­sen habe, scheint man sogar das falsch machen zu kön­nen. Oder?

Zum Beispiel ging ger­ade eben über den Ticker, dass nach­dem der erste Wider­spruch von Hertha BSC wegen des verqualmten Rel­e­ga­tion­sspiels abgelehnt wurde, der berliner Verein die näch­ste Instanz anstrebt. Und schon wird es auf Twit­ter wieder besser gewußt. Sie sollen es *hust* wie Män­ner nehmen. Sich nicht lächer­lich machen.

Ah ja. Rechtliche Mit­tel aus­nutzen, um möglicher­weise zu ver­hin­dern, dass man als Unternehmen ca. 15 Mio. € ver­liert ist “lächer­lich machen”.
Genauso wie es “respek­t­los” ist, wenn die geschla­ge­nen Bas­t­ian Schwe­in­steiger und Mario Gomez irgendwelchen Leuten nach der Nieder­lage nicht die Hand schüt­teln oder sich brav ihre Sil­ber­medaille umhängen.

Sagt mal Fre­unde, habt ihr noch nie ver­loren?
Kennt ihr wirk­lich nicht den Schmerz, wenn man für etwas gekämpft hat, nur um es am Schluß nicht zu bekom­men? Vielle­icht wegen eines blö­den Fehlers, vielle­icht weil andere besser waren oder ein­fach nur weil die Kraft nicht mehr gelangt hat. Wochen– , monate­lange Arbeit. Vielle­icht sogar Jahre des eige­nen Lebens, um ein bes­timmtes Ziel zu erre­ichen.
Aber am Ende steht man mit nichts da. Die besten Wün­sche und Bestä­ti­gun­gen, dass man es ver­di­ent gehabt hätte, dass es Pech war — sie klin­gen wie Hohn. Nur: the fuck­ing show must go on. Also los, Kopf hoch. Lächel doch mal in die Kam­era!
Nur damit dann ein moralis­cher Vol­lid­iot beurteilen kann ob man ein “guter” ein “braver” Ver­lierer ist?

Fuck that shit.

Ich gebe zu: ich bin da auch schuldig. Ich habe bis jetzt immer mit dem Kopf geschüt­telt wenn Sportler die eigene Nieder­lage auf andere Dinge schoben. Die Tech­nik hat ver­sagt. Eigentlich war ich noch ver­letzt. Der Geg­ner hat mich abgedrängt.

Wir sind darauf trainiert, dass diese Heroen gefäl­ligst noch tief­gründige, selb­stkri­tis­che Inter­views nach einer her­ben Nieder­lage geben sollen. Wir erwarten, dass sie mit Anstand und Würde ihre Nieder­lage eingeste­hen. Wir wollen, dass sie besser sind als wir selbst.

Während wir uns mit Herzblut für die Tol­er­anz von allem und jedem ein­set­zen, sind wir hier zackig mit dem moralis­chen Zeigefin­ger zur Hand. Pfui pfui, böser Ver­lierer.
Ja, es gibt Gren­zen. Kein Ver­lust der Welt recht­fer­tigt Gewalt, Aggres­sion und Zer­störung (Ja, Pyrotech­nik ist Zer­störung. Keine Emo­tion. Hört auf solchen Blödsinn zu erzählen.). Es gibt völ­lig natür­liche Gren­zen im men­schlichen Ver­hal­ten die für eine Gesellschaft zumut­bar sind. Wir selbst sind die Schafe, die die Zäune enger machen wollen. (Okay, die Meta­pher hab ich ver­saut. Egal.)

Wenn also Fußballer X sich wie ein Kind auf den Boden wirft und weint, wort­los an Reportern vor­bei rennt und ver­dammt nochmal keinen Bock darauf hat einem Bun­de­spräsi­den­ten (wer auch immer das grade ist) die Hand zu schüt­teln, dann habe ich ab jetzt eines dafür: Verständnis.

Ich denke dann an meinen eige­nen Schmerz, wenn ich Kämpfe ver­loren habe und mich in eine tiefe Höhle am Ende der Welt verziehen wollte. Ich werde Ver­ständ­nis dafür auf­brin­gen, dass Men­schen, so wie mit allen Din­gen, auch mit dem Ver­lieren unter­schiedlich umge­hen. Es gibt die, die reden wollen. Und die, die sich zurück ziehen müssen. Ein paar müssen sich erst­mal betäuben, weil der momen­tane Schmerz, die Real­isierung des Nichter­re­ichten zu viel ist.
Und einige wer­den Ausre­den suchen. Sie wer­den erst­mal darüber reden wie unver­di­ent der Geg­ner gewon­nen hat, wie schlecht die Umstände waren, dass die Umge­bung zuviel Druck aufge­baut hat.

Because that’s what peo­ple do.

Wir sind nicht immer und sofort rest­los ehrlich uns gegenüber. Manch­mal brauchen wir unfass­bar lange, sind die let­zten die es begreifen. Zu sehr hatte sich unser Kopf schon auf Sieg eingestellt, hat­ten wir heim­lich schon die kleine Sieges­feier inklu­sive Ansprache geplant. Das innere Bild von sich selbst als Held kann eine mächtige Moti­va­tion sein. Und uns im Falle der Nieder­lage kom­plett verblenden.

Das ist okay. Wirklich.

Ab heute gibt es für mich keine schlechten Ver­lierer mehr. Zu ver­lieren ist hart genug. Wer bin aus­gerech­net ich, dass ich auch noch Ansprüche an das Ver­hal­ten von anderen in einer solchen Sit­u­a­tion stelle? Eben.
Natür­lich, ob Sport oder andere Dinge, es soll Spaß machen. Die Wet­tkämpfe sind nur eine Aus­prä­gung davon. Und tat­säch­lich: Gewin­nen ist nicht alles.
Es ist nur ein ziem­lich gutes Gefühl

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(Ja, dies ist eigentlich ein zutiefst selb­stre­flex­iver Blog-Eintrag. Mir ist klar, dass es offen­sichtlich ist. Damit kann ich leben.)

  • http://twitter.com/stadtneurotikr Stadt­neu­rotiker

    Es ist für mich schon ein Unter­schied, ob sich ein Verein bzw. dessen Funk­tionäre  ein Wieder­hol­ungsspiel erk­la­gen, oder ob einzelne Spieler nach einer Nieder­lage von ihrer Umwelt nichts wis­sen wollen.
    Außer­dem gibt es auf der Seite des Vere­ins nicht eine Stel­lung­nahme zu Pyros wer­fenden Fans. Das hat weder etwas mit männlich noch etwas mit weib­lich zu tun. Man nennt es Haltung.

    • PatschBella

      Naja, auch ein Verein bzw. ein Unternehmen besteht aus Men­schen. Auch deren Gefühle bein­flussen solche Entschei­dun­gen. Die Sehn­sucht nach “Gerechtigkeit” ist auch als Vor­stand oder Man­ager da. Dann alle Mit­tel zu nutzen ist eben auch eine, wenn auch drastis­che, Reak­tion auf das Verlieren.

  • http://twitter.com/DerUebersteiger Der Übersteiger

    Ich denke schon, dass es auch weit­er­hin “schlechte Ver­lierer” geben wird, die man auch als solche beze­ich­nen darf. Solche, die ihren Frust an der Nieder­lage an anderen ablassen… das muss nicht zwin­gend mit Gewalt passieren, son­dern geschieht auf vielfältige Art und Weise und wird auch zukün­ftig (zurecht) kri­tisiert wer­den.
    Das Abstreifen einer Medaille oder das (wahrschein­lich sogar unab­sichtliche) Nicht-Händeschütteln ist aber sicher­lich im obi­gen Kon­text zurecht davon ausgenommen.

    Wie dem auch sei: Kopf hoch, viele wür­den sich daran erfreuen, überhaupt mal ein Erstrun­den­spiel in irgen­deinem Europa­pokal ver­lieren zu dürfen ;-)

  • Frau-Irgendwas-ist-immer

    Es gibt nich tum­sonst die Redewen­dung ‘mit Anstand ver­lieren’ und das gilt im Spitzen­sport den sich nun mal, vor allem junge, Men­schen als Vor­bild nehmen zu 100%.
    Und das Geschreie wenn Chelsea nach ver­lorenem Finale so reagiert hätte, kann ich mir nur zu gut aus­malen, ist ja nicht so das ein H. Hoe­ness dann mal Ruhe geben würde .…

  • http://natalie.springhart.de/ Natol­lie

    Jegliche Reak­tion chelsea­seits wäre bei einem CL-Sieg der Bay­ern kom­plett im “WIR (Beto­nung auf “WIR”, denn in dem Moment sind wir ja dann plöt­zlich fast alle auf der Seite des FCB, nicht wahr? Die “Wir haben gewon­nen, es gab ein Unentsch­ieden, sie haben verloren”-Mentalität …) SIND CHAMPIONS LEAGUE-SIEGER”-Gejubel untergegangen.

    Ich steh zu meiner Schaden­freude, wenn Sportler ver­lieren, die ich nicht lei­den kann (Cris­tiano Ronaldo, any­one?). Ich muss sie also fol­glich auch anderen zugeste­hen. Zäh­neknirschend. Haar­eraufend. Sack-und-Asche-tragend. Aber muss halt, alles andere wäre unfair. Mist­iger Mist.

    Nur: Was ich im Moment so gar nicht gebrauchen kann, sind Mitleid, Trost­spenderei oder gar “… der Herzen”-Zusätze. Fuck THAT shit. Und ich steck noch nicht mal seit Jahren drin.

    • PatschBella

      Bei Crisi­tano und Kon­sorten ist ja das Prob­lem, dass sie selbst ihre Fall­höhe so weit hin­auf­drehen in dem sie sich ein­fach furcht­bar ver­hal­ten. Da sitzt der Schadenfreude-Trigger ein­fach wahnsin­nig locker. Aber, doch, ich werde ver­suchen mich zusam­men zu reißen wenn Crissi-Hasi in ein paar Wochen wieder weint weil Por­tu­gal ver­loren hat.