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… vom Donnerhall fast taub

July 12, 2012 Allgemein , ,

stone cold stories

Heute fand ich mich plöt­zlich auf einem Fried­hof wieder. In der kleinen Stadt am Inn. Einer dieser alten aber gepflegten Fried­höfe. Man kennt sich, verbindet mit den Namen auf den Grab­steinen Anek­doten. Fried­höfe sind immer stumme Zeuge von Geschichten. Und auf ihre Weise erzählen sie die Geschichten weiter.

So stehe ich da, im Jahr 2012. Vor Namen und Leben die zum Teil vor 150 Jahren began­nen. Fam­i­lien, Ver­luste, Tragö­dien. Gen­er­a­tio­nen davon. Die Mut­ter, geboren 1915. Der Vater, prakt. Med. , geboren 1911. 1936 kam ihr Sohn zur Welt. Herange­zo­gen während des Krieges also. Wahrschein­lich kam er in einen der Jahrgänge mit Not-Abitur.

Er fing an Medi­zin zu studieren, wie sein Vater. 1959, kurz bevor die Welt sich in vie­len Bere­ichen grundle­gend verän­dert, kommt er mit nur 24 Jahren ums Leben. Neben seinem Namen steht Stud. Med. auf dem Grab­stein.
Die Eltern sind erst ende der 80er bzw. Anfang der 90er gestor­ben. Noch nachträglich spürt man den Schmerz, den das Fehlen des wom­öglich einzi­gen Kindes aus­gelöst hat.

Vor allem, weil einem klar wird, dass es ein Unglück gewe­sen sein muss. Nicht wie 15 Jahre vorher, 1944, eine Jahreszahl die überdurch­schnit­tlich häu­fig auf den Grab­steinen in dieser kleinen Stadt steht. Oft gle­ich nach Geburt­s­jahrgän­gen der 20er. Geschwis­ter, halbe Fam­i­lien. Die dun­klen Zeiten.

Dann noch diese Ent­deck­ung der ‘von Manns’, einer davon sogar mit Ritter-Titel. Plöt­zliche, greif­bare Neugierde die einen überkommt.
Das einzelne Grab mit der ital­ienis­chen Inschrift.
Die Skulp­tur eines gebeugten Mannes statt eines Grab­steines.
Kleine Engel an den Ecken der Grab-Kanten.

Nie­mand heißt mehr Amalie oder Bartholomäus. Eigentlich schade.

Es lässt sich ja schon kaum noch jemand tra­di­tionell ein­graben. Man lässt sich ver­bren­nen und die Urne ein­graben. Selbst das wird sich mit der Zeit ver­mut­lich ändern. Unser Grab-Kultur wird sich ändern. Ob meine Ange­höri­gen wohl mal einen Platz haben wer­den, an dem sie Blu­men able­gen? Oder wer­den wir Urnen wie in Regale stellen und uns zurück gezo­gen an die erin­nern, die wir ver­loren haben?
Ich wäre für schöne Plat­ten, wie Regaldeckel. Auf denen hätte viel Text platz. Und not­falls auch noch ein QR-Code.

Bemerkenswert finde ich immer all die Dinge, die außer­halb der ‘nor­malen’ Daten auf Grab­steinen ste­hen. Sebas­t­ian, genannt ‘Wastl’. Oder ‘die Huber-Bäuerin’. “Ehe­ma­liger Bürg­er­meis­ter von Mühldorf’. Kleine Bemerkun­gen die am meis­ten über die aus­sagen, die sich um das Grab des Ver­stor­be­nen geküm­mert haben. Sie fan­den es wichtig, dass es dort steht. Weil es ein Teil der Men­schen, ihrer Per­sön­lichkeit, ihrer Geschichte war.

Ich meine, es wird sich kaum jemand ‘Krawall-Bloggerin’ ein­gravieren lassen, oder? Vielle­icht doch.