Patschismus

Patschismus

19/01/2012 14:09 8 comments

Es ist ja immer so eine Sache, wenn das Inter­net lacht.

Zuletzt hat ein großer Teil des Inter­nets über kleine Kinder gelacht. Also, deren Namen. Auf dem Tumblr-Blog chantalismus.tumblr.com wer­den gar her­rliche Geburt­sanzeigen neuer Erden­be­wohner gezeigt. Und warum? Weil ihre Namen … aus dem Raster fallen.

Und — zack! — es fand sich ein Grund, nicht darüber zu lachen. Das wäre Klas­sis­mus. Klas­sis­mus?

Klas­sis­mus beze­ich­net die sys­tem­a­tis­che Diskri­m­inierung bzw. Unter­drück­ung einer Gruppe durch eine andere, basierend auf ökonomis­chen Unter­schieden. Diese Unter­schiede basieren nach dem Klassismus-Begriff wiederum auf den einzel­nen Posi­tio­nen im Sys­tem von Pro­duk­tion und Verteilung.

Sprich: Wer über Chan­tal und Kevin lacht, lacht über deren Eltern, die ja zwangsweise aus einem bil­dungs­fer­nen Milieu kom­men müssen. Ach, müssen sie?1

Und schauen Sie, das ist die Stelle wo es für mich schwierig wird. Ich bin ja die erste die gegen Body-Snarking und Sex­is­mus skandiert. Schließlich sind Geschlecht und der eigene Kör­per Dinge, die wir nur bed­ingt bee­in­flussen kön­nen. Darauf reduziert und deswe­gen her­abgestuft zu wer­den empfinde ich als wirk­liche Anfeindung.

Und wür­den wir direkt über die Kinder lachen, wäre es auch hier wohl der Fall. Für meinen Teil, und ich empfinde dass ich aus­nahm­sweise einer Mehrheit ange­höre, lache ich über Eltern, die sich im Hor­mon­rausch für der­lei Buch­stabenkom­bi­na­tio­nen entsch­ieden haben.

Assozi­iere ich dies mit deren Bil­dungsniveau? Nö. Aber lassen Sie mich erk­lären. Meine Lei­den­schaft für abstruse Namen existiert schon eine Weile und so habe ich mich auch schon an anderen Stellen im Inter­net amüsiert, wo die neuen Erden­bürger aufgezählt wer­den. (Wenn Ihnen mal an einem ver­reg­neten Sonntag-Nachmittag lang­weilig ist — die Foren, in denen wer­dende Müt­ter über Namen disku­tieren sind ganz großer Sport.)
Was ich dort schnell gel­ernt habe: Es ist nicht nur Gelsenkirchen. Es sind nicht nur Hatz4-Empfänger. Und wer denkt, es wären nur spez­i­fis­che Grup­pen (Klassen), die ihren Kindern gern selt­same Namen ver­passen (Du! Bist! Eine! Einzi­gar­tige! Schneeflocke!), muss drin­gend mehr raus in die Welt.

Oder ver­muten Sie hin­ter den Geschwis­tern Mandy und Philadel­phia die Eltern Herr Pro­fes­sor und Frau Dr.? Sie existieren. Nicht alle Akademiker nen­nen ihre Kleinen Emma und Paul. (Wenn die Eltern Wal­dorf­schüler waren auch mal Emil und Paula.) Von der Spitzen-Idee Kinder Ophe­lia oder Ähnliches zu nen­nen, ganz zu schweigen. Macht es einen Unter­schied ob die Kinder nach Miley Cirus oder der Lieblings­figur aus einer Wagner-Oper benannt wer­den? Franzö­sis­cher Namens-Wahn ist nicht besser, klüger oder inter­es­san­ter als englis­cher. Wirk­lich.
Es existiert auch eine Fre­undin meiner Schwester die überraschend und sehr jung schwanger wurde. 8 Monate lang sam­melten wir Namen, einer schöner als der andere. Wir haben nur einen Moment nicht auf sie aufgepasst, da müssen die Hor­mone zugeschla­gen haben. Ihr Töchterchen ist heute eine von 3(!) Aaliyahs im örtlichen Kinder­garten. Im beschaulichen Ober­bay­ern. Die anderen Eltern? Vom Inge­nieur bis zur Kranken­schwester alles dabei.

Nicht zuletzt ist “Chan­talis­mus” ja auch sehr tem­porär und sub­jek­tiv.
Als Mama-Patsch sein­erzeit mit mir schwanger war zum beispiel. Der betagte Fraue­narzt kon­nte nicht genau sehen, was es wird, ging aber auf­grund der schmalen Hüften (Ha! Infam! Lüge!) davon aus, dass ich ein Junge werde.
For­tan standen zur Auswahl: Philip (meine Mut­ter), Franz Xaver (meine Groß­mut­ter) und Zebu­lon (Mein Vater. Eine Geschichte für ein ander­mal.). Wie sie hier lesen, kam stattdessen dann ich zur Welt und es galt zu improvisieren.

Etliche klas­sis­che Namen waren in der Ver­wandtschaft schon vergeben und das schwarzge­lockte Mäd­chen sollte ja auch nicht Katha­rina Num­mer 3, San­dra Num­mer 4 oder Monika Num­mer 5 in der Umge­bung wer­den. Da fiel meiner Mut­ter Isabella von Lospichl ein. Zusam­men mit dem Mantra “eine Putzfrau heißt nicht Isabella” (okay, da war wom­öglich ein Hauch Klas­sis­mus im Spiel.) wurde so mein Vor­name ausgesucht.

Es kon­nte nie­mand ahnen, dass die Welt 25 Jahre später von Isabella Swan heimge­sucht wer­den würde. (Ich habe also einen Extra-Grund Frau Meyer zu ver­ab­scheuen. Yay Me!). Wis­sen Sie welcher Name seit­dem die Hitlis­ten weltweit hin­auf klet­tert, Bil­dungsniveau oder nicht? Genau. Also lassen Sie uns lachen. Wenig­stens bis es uns im Halse stecken bleibt.

  1. Mir ist natür­lich klar, dass Chan­talis­mus und Kevin­is­mus nicht nur lustige Kennze­ichen hat. Damit hat sich auch die Wis­senschaft beschäftigt. Trotz­dem möchte ich hier konzen­tri­ert über das Spot­ten, nicht den direk­ten Umgang reden. Da ver­lange ich schlichtweg von jedem zivil­isiertem Men­schen den gle­ichen Respekt.

  • Anony­mous

    Was ich halt bei diesen “kreativen” Namen nicht wirk­lich nachvol­lziehen kann: a) Das Kind ist doch auch mit einem Aller­welt­sna­men eine einzi­gar­tige Schneeflocke! Da kann es Peter Schmidt heißen, wenn’s sein muss! und b) Gibt es wirk­lich Leute, die so wenig Musikge­hör haben, dass sie nicht fest­stellen, dass “Gwen­do­line Scheherazade Mey­er­hans” nicht wirk­lich schön klingt?

    • Anony­mous

      Oh ja, ins­beson­dere dein zweiter Punkt. Der Klang solcher Mon­strositäten! Aber tat­säch­lich habe ich schon das Argu­ment “klingt dovh viel inter­es­san­ter so” gehört. Was soll man da antworten?

  • http://semisuicidal.wordpress.com/ Semi­Sui­ci­dal

    von den 11 mäd­chen (haupt– und realschü­lerin­nen sowie gym­nasi­astin­nen), mit denen ich als jugendliche zusam­menge­wohnt habe, haben 8 heute kinder. drei davon heis­sen leon, zwei lion. true story.
    (und, falls es dich tröstet, ich denke bei deinem namen nicht an vam­pire. isabella war der zweit­name meiner lieblingspuppe.)

    • Anony­mous

      Leon und Leonie sind auch so Pla­gen. Aber Lion? LION? SRSLY?

      • http://semisuicidal.wordpress.com/ Semi­Sui­ci­dal

        klar. das kind soll doch schließlich nicht heis­sen wie alle anderen! in-di-vi-du-a-li-tähät!

  • Ninette Halb­bluthob­bit

    Erst vor ein, zwei Tagen habe ich darüber getwit­tert, also über den Chantalismus-Blog.

    Nein, ich lache nicht über die Kinder. Dass manche Namen­skom­bi­na­tio­nen unfrei­willig komisch klin­gen und/oder ausse­hen, ist die eine Sache. Aber ich habe das gle­iche Prob­lem wie du: wenn ich es ver­mei­den will, jeman­den auf­grund seiner Optik, Bil­dung, seinem Geschlecht oder irgendwelchen anderen Grün­den zu dif­famieren, will und darf ich’s auch nicht auf­grund des Namens.
    (Wahrschein­lich wer­den diese Kinder später sel­ber mit einem gewis­sen — zwang­haft erwor­be­nen — Maß an Humor darange­hen, sich irgendwo vorzustellen.. oder sich umtaufen lassen.)

    An dieser Stelle bin ich manch­mal ein­fach nur empört über Eltern — und das ist, wie du schon gesagt hast, unab­hängig von Bil­dung, Qual­i­fika­tion oder (sozialer) Herkunft -, die in der Namenswahl ihren per­sön­lichen Vor­lieben mehr Rel­e­vanz ein­räu­men als dem Umstand, dass ihr Kind ein men­schliches Wesen ist — ein men­schliches Wesen, das ein Leben lang mit diesem Namen “leben muss”, das soziale Kon­takte haben wird, in den Kinder­garten und in die Schule gehen muss. Die Respek­t­losigkeit gegenüber den eige­nen Kindern, und nichts anderes ist es für mich, vielle­icht auch man­gel­nde Empathie oder Weit­sicht, macht mich oft so wütend, wenn ich genauer drüber nach­denke, dass mir das Lachen im Halse stecken bleibt.

    Im Ernst: dass man sein Kind liebt und ihm einen schö­nen Namen geben will, dass es etwas Beson­deres ist, dass man ihm mit dem Namen eine Bedeu­tung mit­geben will, aus zahlre­ichen Grün­den, kann ich alles ver­ste­hen — aber, liebe wer­dende Eltern, denkt doch mal nur 5 Jahre in die Zukunft und überlegt alle möglichen Sit­u­a­tio­nen, in denen so ein Name rel­e­vant wird, und damit meine ich ja nicht mal den Umstand, dass Kinder grausam sei kön­nen, wenn’s um Namen geht…

    (Huch, ein Kommentarroman!)

  • Khaos.Kind

    Solange irgendwelche Stars ihre Kinder nach Früchten oder Stadt­teilen benen­nen, würde ich nicht auf die Idee kom­men, “Chan­talis­mus” an ein bil­dungs­fernes Milieu rückzubinden.

  • Pingback: Neunnachneun « Ansichten aus dem Millionendorf

  • http://stehblog.de/ Gun­nar

    Zebu­lon!? Kann’s kaum abwarten, bis Du diese Geschichte mit uns teilst…

    Kreative Namen hin oder her, aber ganz schlimm (oder wahlweise lustig bzw. trau­rig) finde ich kreative Schreib­weisen, die manche Eltern (sei es aus Wun­sch nach Indi­vi­ual­ität oder aus Unwis­senheit) wählen. Werde nie vergessen, wie mir mal ein “Maykl” buch­sta­biert wurde…