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… vom Donnerhall fast taub

October 25, 2012 Allgemein , , ,

Liebe ARD, wir müssen reden

und ich sage das als Fan eurer Anstalt. Als ich während des Studi­ums näm­lich keinen Fernse­her hatte, habe ich gemerkt wie verzicht­bar das kom­plette Pri­vat­fernse­hen ist. Ich hasse Scripted Real­ity, ich kann ohne Casting-Shows 1 leben (ja ich geb’s ja zu, ich gucke The Voice, aber meine Güte) und selbst die Serien die dort importiert wer­den (Two and a half man? Igitt.) guck ich im Zweifels­fall lieber zeit­nah im Orig­i­nal oder via DVD.

Nicht verzichten wollte ich auf Nachrichten und die Sports­chau, auf Quer beim Bay­erischen Rund­funk und 3sat (3sat rockt!). Manch­mal schau ich den Tatort. Den aus Mün­ster, mit ein biss­chen Alko­hol. Den aus München, weil München halt. Und ich mochte die Idee vom undercover-Krimi aus Hamburg.

Die Marke Tatort ist eine ziem­lich starke, das sehe ich sofort ein.

Aber wisst ihr, was der Tatort nicht ist? Ein Allheilmittel.

Der komis­che Kauz in Kiel, der unerträgliche Til Schweiger und jetzt auch noch “Event-Tatort” aus Weimar mit Tschirner und Ulmen. Ver­steht mich nicht falsch: Ich bin für mutiges Cast­ing, jed­erzeit. Dafür, dass die weni­gen guten Schaus­pieler der Repub­lik auch ihrer Rollen und mal größeres Pub­likum bekommen.

I get it.

Nur: Wo ist der Rest? Wo ist die Serie die im Berlin der 20er Jahre spielt, am besten hin­ter den Kulis­sen des Kul­turbe­triebs? Wo ist die Fam­i­lien­saga über den Ruhrpott der 60er Jahre, als die Arbeiter aus ganz Europa kamen. WO SIND DIE GESCHICHTEN?
Und kommt mir jetzt nicht mit euren tragis­chen Fernse­hfil­men, die immer auch mit Holzhammer-Subtilität irgen­deine Botschaft ver­mit­teln müssen. Bleibt mir weg mit den his­torischen Mehrteil­ern in denen die Bet­tina Zim­mer­manns dieser Welt sich zwis­chen zwei Kerlen entschei­den müssen.

Aber nein, Krimis müssen es sein, weil der doofe Zuschauer ange­blich nicht anderes will. Nir­gendwo. Der ARD-Vorabend: eine Ansamm­lung mit­telmäßig bis mis­er­abler Region­alkrim­is­e­rien, beim ZDF wird in Rosen­heim und Garmisch ermit­telt, auf hoher See und mit irgendwelchen SOKOs.

Ich hab da mal etwas zusam­men gestellt. Wir betra­chten kurz das Pro­gramm von ARD und ZDF vom kom­menden Mon­tag bis zum Don­ner­stag, jew­eils zwis­chen 18:00 Uhr und 22:00 Uhr. Also eine Zeit in der rel­a­tiv viele Men­schen Fernsehen.

ARD Pro­gramm

ZDF Pro­gramm

Und jetzt stre­ichen wir Nachrichten, das Wet­ter und alles was zumin­d­est so tut als ob es ein Krimi wäre.

ARD Pro­gramm

ZDF Pro­gramm

Wie gesagt, Mon­tag bis Don­ner­stag. Ohne Tatort, ohne Fre­itagskrimi oder oder oder.
Wenn man jetzt noch in der obi­gen Grafik auf alles verzichtet, das keine Fik­tion ist bleiben ‘Ver­botene Liebe’ und ‘In aller Fre­und­schaft’. Oh, und ‘Rom­mel’ natür­lich. Klar, Krieg geht immer. Dun­kle Ver­gan­gen­heit und Fam­i­lien­dra­men. Bloß keine Unter­hal­tung. Bloß keine lock­eren erzählten Geschichten mit fort­laufender Hand­lung. Wenn es lustig wer­den soll dreht ihr eine ‘roman­tis­che Komödie’ in der Sabine Pos­tel oder Friedrich von Thun zueinan­der finden. Böser Kap­i­tal­is­mus, guter kleiner Laden oder so. Das nennt ihr dann Pro­gram­mvielfalt, nämlich.

Aber hey, es gibt ja das Inter­net. Ich schalte also von Mon­tag bis Don­ner­stag nicht den Fernse­her ein, da ich dank amerikanis­cher Serien­vielfalt ‘Revenge’, ‘Home­land’, ‘The Good Wife’ (Das ist allein schon Mon­tags ver­füg­bar) und in den Tagen darauf ‘How I met your mother’, ‘Sons of Anar­chy’, ‘Nashville’, ‘Sub­ur­ga­tory’, ‘Super­nat­ural’ und ‘Arrow’ sehe. Man kann jetzt darüber stre­iten ob die Biker-Serie ‘Sons of Anar­chy’ ins Krimi-Genre fällt oder ‘Home­land’ nicht eigentlich ein Thriller ist. Und bevor ihr hier mit dem Kohle-Argument kommt: Auch ein Tatort kostet Geld und die BBC in Eng­land hat nicht annäh­ernd euer Bud­get bekommt es aber trotz­dem hin. (Sher­lock, Mis­ftis, Doc­tor Who, Luther — ja, ein Krimi, aber eben anders.)
Trotz­dem: Ein Haufen unter­schiedlicher Geschichten.

Wenn RTL eine Serie macht, dann sieht das aus wie ‘Cobra 11 die Auto­bah­n­polizei’ 2. Ich traue mir eine Wette zu, dass die ARD dieses Niveau schla­gen kön­nte. Und sei es nur mit einer deutschen Vari­ante von ‘6 Feet Under’, einer Serie über einen Bestattungs-Familienbetrieb.
Da hät­ten wir auch jede Menge Leichen. So ganz ohne Krimi.

Ihr könnt schöne Doku­men­ta­tio­nen mit niedlichen Tieren, ihr könnt hin und wieder Mag­a­zine und Reporta­gen. Talk-Shows kon­ntet ihr mal, dann habt ihr euch von den Mod­er­a­toren respek­tive Pro­duzen­ten alles aus der Hand nehmen lassen und jetzt dilet­tieren die vor sich hin.

Ich sag es ungern: Aber ihr ver­liert ger­ade eine ganze Gen­er­a­tion an Zuschauern die lieber das vierte Mal die DVD-Box von ‘Friends’ aus dem Regal holt anstatt sich Gün­ther Jauch anzuse­hen.
Eine Möglichkeit sie wieder zurück zu holen wären gute Geschichten. Geschichten die das amerikanis­che Fernse­hen nicht erzählen kann, weil sie davon keine Ahnung haben.

Wenn mich das Inter­net eines gelehrt hat, dann das: Die Geschichten sind da. Und Leute die sie erzählen kön­nen auch. Lasst sie ein­fach mal machen und hört auf alle Lücken mit dem Label Krimi zu füllen. Ihr ruiniert es nämlich.

P.S.: Wenn ihr noch mehr Ideen braucht, ich komme gern mal zum Brain­storm­ing vor­bei, Bussi!

  1. Wobei die öffentlich rechtlichen wohl beschloßen haben, dass es für jede pri­vate Casting-Show eine Quiz-Show geben sollte die min­destens Bar­bara Schöneberger mod­eriert und in der Tiere/Wissenschaftler/Jörg Pilawa vorkom­men soll­ten.
  2. Zugegeben­er­maßen hat man sich dort aber auch getraut Bora Dagtekins ‘Doc­tors Diary’ zu brin­gen. Eine nicht-krimi-Serie die auch noch lustig war. Schockschw­erenot.

  • Frau-Irgendwas-ist-immer

    Danke!

  • Pingback: Neunnachneun « Ansichten aus dem Millionendorf

  • http://twitter.com/franzicious Franziska

    Spricht mir aus der Seele. Ich habe seit Jahren keinen Fernse­her und kucke höch­stens mal in den Mediatheken vor­bei. Alles außer Doku­men­ta­tio­nen und Reporta­gen kann man vergessen. Das einzige, was mich beim Öffentlich-Rechtlichen in let­zter Zeit vom Hocker gehauen hat, war der Tatortreiniger vom NDR.

  • http://twitter.com/aisopis matze

    würde ich im großen und ganzen so unter­schreiben — wobei ich den Tatort schon eigentlich ganz gerne mag (wobei mir der Mün­ster­aner ein wenig auf die Ner­ven geht, ich dafür aber den Kieler sehr mag — aber darum geht’s ja hier nicht)

    ich habe let­ztens mal irgendwo gele­sen, dass die amerikanis­chen fernsehse­rien so viel kreativer als hol­ly­wood sind, weil sie ein­fach das machen, was sie inter­es­sant finden (weil es halt um wesentlich weniger geld geht) und nicht, was die mar­ketingabteilung auf 23 test­märk­ten getestet hat usw. usf. übertra­gen auf deutsch­land: das prob­lem liegt nicht im fehlen­den geld, son­dern im fehlen­den mut und den lan­gen entscheidungswegen.

    und ich fürchte fast, diese ganzen “lustige krimis aus der prov­inz” wer­den auch noch geschaut (ihre vor­bilder, die “lusti­gen krimis aus der großs­tadt”, also Großs­tadtre­vier und früher auch Adel­heid und ihre Mörder, sehe ich übrigens dur­chaus gerne)

    (eine berich­ti­gung noch: Mis­fits — eine der besten Serien überhaupt, zumin­d­est die ersten drei Staffeln — ist keine BBC-Serie. Die machen [meines Wis­sens] nur den inter­na­tionalen Vertrieb.]

  • Jochen Neo

    Ich habe bei den Öffentlich-Rechtlichen mit­tler­weile knapp 20 Pro­gramme und schaue meist diese. Ich finde täglich mein Pro­gramm und fühle mich sehr gut ver­sorgt TVtech­nisch… Ja und dann kann ich den Appa­rat immer noch auss­chal­ten. Über die Pri­vaten möchte ich mich erst gar nicht äußern. Wer meint, den Ami-Schrott anschauen zu wollen/müssen per Web, dann bitte. Allein, nachvol­lziehen kann ich das nicht ansatzweise.