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… vom Donnerhall fast taub

October 2, 2012 Allgemein , , , , ,

Die Rückkehr der Leserin

Als ich 5 war, hab ich mir Buch­staben zu Wörtern zusam­men klamüsert. Weil die offen­sichtlich der Schlüs­sel zur Machtüber­nahme waren. Und Mama dauernd gele­sen hat. Mit 7 wollte ich von Beruf ‘Astrid Lind­gren’ wer­den. Weil: eh klar.
Mit 10 hatte ich die Kinder — und Jugend­buch­abteilung unserer kleinen Bücherei durch. Es half dauernd in Wartez­im­mern sitzen zu müssen. Mein durch­schnit­tlicher Buchver­brauch trieb anderen Leuten die Trä­nen in die Augen.
Mit 12 wollte ich Jour­nal­istin wer­den. Oder Anwältin. Wegen John Grisham. Durch Iso­la­tion in der Schule und regelmäßige Kranken­hausaufen­thalte hatte ich als Teenager alles gele­sen was Agatha Christie, Erich Käst­ner, Chris­tine Nöstlinger und Arthur Conan Doyle jemals veröf­fentlicht haben. Von Harry Pot­ter mal ganz zu schweigen. Da mussten es dann die englis­chen Bände sein, weil: sofort.

Wohin ich ging, ich hatte ein Buch dabei. Was sollte man schließlich sonst tun. Vor­lauter Bedarf las ich Goethe und Schiller, Austen, Irv­ing und früh­pu­bertär enthu­si­astisch Nietzsche.

Dann kam das Studium, inklu­sive plöt­zlichem Kon­takt mit anderen Men­schen. Oh, und das Inter­net. Ich meine, online war ich schon lang. Darin dauernd gele­sen und geschrieben hatte ich auch. (Wir haben noch Fan­fic­tion mit Plot statt Sex geschrieben. Man muss sich das mal vorstellen. Es waren aber auch die späten 90er.)
Aber das war… pas­siv. Und mehr so hin und wieder. Ich las Zeitun­gen und Bücher. Im Inter­net hab ich mir nur mehr Leses­toff bestellt. Mit­tler­weile gab es aber Blogs. Und Serien. Serien! Ich hatte ja bis anno 2007 keine Ahnung was Doc­tor Who ist. Laut myepisodes​.com hab ich bis heute ein knappes halbes Jahr mit dem gucken von Serien­fol­gen verbracht.

Worauf ich hin­aus will: Die Bücher haben gelit­ten. Meine abendlichen 50 Seiten fie­len bald Staffeln von Dr. House und Buffy zum Opfer. Auf Zug­fahrten kämpfte ich mich zwar noch durch die Fälle von Dr. Bren­nan oder dem Bren­ner, aber unter­brochen von Blicken auf’s Smart­phone um Twit­ter zu checken.

Die Konzen­tra­tion die es braucht um sich in ein Buch zu stürzen, sich darin zu ver­lieren, sie ging langsam flöten. Gut, ein Buch pro Woche brachte ich immer noch durch, aber es fühlte sich fast ein biss­chen verpflich­t­end an. Weil kluge, coole Leute schließlich lesen. Und es doch so viele tolle Bücher gibt.

Wie kon­nte das passieren? Schließlich liebe ich Bücher. Und wir reden hier von einer großen, lebenslan­gen, über alle Krisen hin­weg — Liebe. Ich war verk­nallt in den Wortschatz von David Fos­ter Wal­lace und wollte mit Amélie Nothomb über Fried­höfe schlendern.

Was also tun? Zuerst hab ich mich durch Gen­res pro­biert. Endlich Neil Gaiman gele­sen, es mit Biogra­phien ver­sucht, Poplit­er­aten wieder ent­deckt und es sogar mit Historien-Romanen ver­sucht. Aber all die neue Medi­zin half nur kurzfristig. Das Feuer fehlte. Die Beziehung zwis­chen mir und den Büch­ern hatte diese kalte, rou­tinierte Phase erre­icht über die andere Leute gerne Romane schreiben und die der Feuil­leton dann ‘ana­lytisch’ nennt und ihre ‘kom­plex geze­ich­neten Bilder zwis­chen­men­schlicher Beziehun­gen’ lobt.

I got car­ried away there, for a moment.

Irgend­wann fiel mir auf, wie sehr ich überlegte was ich lesen sollte anstatt zu lesen was ich will. Ich habe bis heute keine Zeile der ‘Hunger Games’ oder irgendwelcher Grautöne gele­sen. Auch keines der Bücher von ehe­ma­li­gen Moderator_innen des Musik-Fernsehens. Und von den Twit­ter­eren die mit­tler­weile Autor_innen sind auch nur homöopathis­che Dosen.
Während ich sonst kein Prob­lem damit habe mich pop­kul­turellen Trends zu ver­schließen (LOST nie gese­hen, Roche und Böh­mer­mann nur mal reingezappt, ich weiß nicht wer Olli Schulz ist und dachte, dass Cro und Casper ein und dieselbe Per­son sind.) dachte irgen­dein Teil von mir, dass ich die Sache mit dem Bücher-Lesen tat­säch­lich FALSCH machte.

Oh for fucks sake.
The Truth Resists Simplicity

Mean­while fol­gte ich auf Twit­ter einer jun­gen Frau, die ständig irgend­was von Nerd­fight­ern und John Green und DFTBA brabbelte. Jeden­falls genug, um mein Inter­esse zu wecken.

Schon lustig, wie einen Dinge manch­mal erwischen.

Ich will jetzt gar nicht groß von den Vlog­broth­ers reden, einem hin­reißen­den Pro­jekt der Brüder John und Hank Green, die sich ein Jahr nur via Youtube-Videos unter­hiel­ten. Oder den Nerd­fight­ern, einer Gemein­schaft von begeis­terten jun­gen Men­schen die sich im Sinne der bei­den engagieren. Von Esther und der Foun­da­tion to Decrease World­suck, von Don’t For­get To Be Awe­some und den Swood­ly­poop­ers. Das würde auch ver­dammt weit führen. (Wobei, darüber sollte man mal reden. Dem­nächst. Mal Fee fragen.)

Die Pointe kommt jetzt: John Green schreibt Bücher. Er schreibt das, was im englis­chen YA — Young Adult Fic­tion — genannt wird. Bücher aus der Zwis­chen­welt. Die Welt in der Men­schen noch nicht ganz erwach­sen aber auch offen­sichtlich keine Kinder mehr sind. Und die Dinger die ihnen passieren. Die sind oft mys­tisch, magisch und irra­tional ohne wirk­lich Fan­tasy zu sein. Weil diese Zeit ja genau so ist.

Ich hatte schon einige Videos gese­hen und war längst Fan der bei­den Greens, als ich endlich anf­ing John Greens Bücher zu lesen. Und seit­dem wieder Bücher ver­schlinge. Die Bücher aus der Zwis­chen­welt. Einen kurzen Moment hatte ich natür­lich ein schlechtes Gewis­sen. Ich bin zu alt dafür. Ich sollte kluge, erwach­sene Dinge lesen. Mich durch Siegfried Lentz quälen oder wenig­stens irgen­deinen dieser tollen neuen Region­alkrimis lesen. Ich sollte. Ach fahr doch zur Hölle, du ‘sollen’, ich mach das jetzt ohne dich. Ich lese jetzt kluge, poet­is­che Bücher für Men­schen deren Welt­bild noch so unfer­tig ist wie die Welt selbst.

Jetzt grade ist es The Secret His­tory und als näch­stes wartet Miss Peregrine’s Home for Pecu­liar Chil­dren auf mich. Ich freue mich wie ein Schnitzel auf die Perks of being a wall­flower und let’s pre­tend this never hap­pened. (Ich ver­linke ja nur nicht auf Ama­zon, um eure Geld­beu­tel zu schützen.)

Das Feuer ist wieder da. Ab jetzt lese ich nur noch wonach mir ist. Und wenn ich grade mal nicht lesen will, ist es okay. Die Welt ist bunt und es passiert irrsin­nig viel und manch­mal springt (nun ja. Sprin­gen tu ich sel­ten) man durch die Gegend und kommt zu nichts, dafür wird man auch irgend­wann wieder fest getack­ert und dann hat man besser ein Buch zur Hand.

P.S.: Es gibt Blog­ger, die kön­nen schreiben. Lesen sie darum als näch­stes Ashby House und Bad Hair Years. Die lohnen sich nämlich.