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… vom Donnerhall fast taub

October 17, 2012 Allgemein , , ,

Allerheiligen

Ja, ja aber ihr könnt mich Aller­heili­gen nicht allein ste­hen lassen. Dann bekomme ich wieder Mitlei­d­shand­schläge. Und die Blicke erst!“
Weil die E., meine Tante ist jetzt über die 60 und achduje, alle­in­ste­hend und sie sieht zwar aus wie Ende 40 mit ihrem Kaschmir­pullover und fast fal­ten­los (wie alle Frauen auf der Seite der Fam­i­lie. Ich bete täglich dieses Gen erwis­cht zu haben.), aber wenn nicht meine Mut­ter, die R. (meine viel zu schöne Schwester) und ich Aller­heili­gen neben ihr ste­hen, am Grab meiner Groß­mut­ter und des Groß­vaters den ich nie ken­nen gel­ernt habe und Urgroßmüt­tern und Urgroßvätern die sich zum Teil gegen­seitig unter die Erde gebracht haben (weil, wenn nicht vom eige­nen Ehe­mann erschla­gen wer­den die fal­tenlosen Frauen dieser Fam­i­lie auch noch immer min­destens 86 Jahre alt. Min­destens.), dann jeden­falls, gucken die Leute so ein biss­chen mitlei­dig.
Was Blödsinn ist, weil eines Tages so zu leben wie meine Lieblingstante E., damit wäre ich hochzufrieden. Die einzi­gen Dinge die es immer zuver­läs­sig in ihrer Küche gibt sind Wein, Schoko­lade und Vit­a­m­in­prä­parate. Und Zigaret­ten, jetzt wieder, seit das Rauchen überall ver­boten ist. Da hat sie wieder damit ange­fan­gen. Sie arbeitet noch und im Büro fürchten sie die richti­gen Leute. Weil sie zuver­läs­sig und patent und grade raus ist.

Jeden­falls, Aller­heili­gen. Wir reden hier natür­lich vom dör­flichen Bay­ern, von einer Ecke die früher ein eigen­ständi­ges Dorf war und jetzt irgend­wie zu Bad Aib­ling gehört, darum gehört man ja noch lang nicht wirk­lich dazu. An Aller­heili­gen kom­men sie alle, aus München und Rosen­heim und vom Ferien­haus in Garmisch und Tage vorher schon hat jemand das Grab herg­erichtet. Das ist dann auch DAS Small-Talk Thema. Beson­ders bei denen die gar nicht erst in die Kirche gehen, son­dern langsam durch den Fried­hof schlen­dern und hier und da hallo sagen, was man halt so macht wenn man sich nur ein­mal im Jahr sieht.

Wer hat was gepflanzt und wie sieht das aus und da ist schon wieder ein Loch in der Hecke am Rand, ja tut den keiner was gegen die elendi­gen Hasen? “Unser” Grab ist auf der kalten Nord­seite, am Rand gle­ich neben der Kirche. Gott­sei­dank, da steht keiner lang gern der nicht dazu gehört. Trotz­dem schüt­tele ich jedes Jahr wieder Hände völ­lig unbekan­nter Men­schen. Ach, mit dem Dings ist die Mama noch in die Schule gegan­gen und die Gitte hatte let­ztens ein Klassen­tr­e­f­fen organ­isiert, aber wir haben nie­man­den erre­icht und wir sind ja auch nur noch 12 die noch leben.

Mit Eini­gen (fast allen, so scheint es) sind wir auch irgend­wie ver­wandt. Da war jahre­lang die M., eine Cou­sine meiner Mut­ter, aber so unter­schiedlich kön­nen Fam­i­lien­zweige sein. Vor eini­gen Jahrzehn­ten hätte die Groß­tante A. eigentlich meiner Mut­ter und der Tante E. Land vererben wollen, aber dann hat die Cou­sine M. sie so lange gepflegt bis sie das gesamte Erbe hatte, mit dem kleinen Häusl und dem ganzen Grund und dem Schmuck.
Aber Karma, gell. Weil, als die M. und ihr Mann vor zwei Jahren plöt­zlich an Aller­heili­gen nicht kamen und über beide Backen grin­send unsere Hände schüt­tel­ten stellte sich kurz darauf her­aus, dass die M. ganz arges Parkin­son bekom­men hat. Es ging ganz schnell, plöt­zlich kon­nte sie nicht mehr laufen. Und, mei, wir sagen nix, aber die Mund­winkel zucken bei allen denen die M. im Laufe ihres Lebens böse nachgere­det hat.

Und dann ist da noch die V. und ihre Schwiegermut­ter, die um irgen­dein Eck (ich glaube einge­heirateter­weise) auch die I. näher kennt, die früher da war und mit der ich über genug Ecken wohl auch ver­wandt bin. Aber dann hat die I. Kar­riere gemacht. München, Berlin und ja mei bald wieder München. So viele Ter­mine, der Wahlkreis und ach, aber wahnsin­nig stolz sind sie daheim alle. Nach dem Unglück der Tante (Cou­sine? Ich habe längst den Überblick ver­loren.), die vor vie­len vie­len Jahren mit ihrem Sol­daten (der ein Gen­eral war, aber naja, ein Amerikaner.) in die USA gegan­gen ist. Und zuerst im furcht­baren Florida gelebt hat und dann in Dal­las lan­dete, bis dann die Kinder aus­ge­zo­gen sind und sie war drauf und dran entweder an die Ostküste zu ziehen oder sogar nach Europa zurück zu kom­men, als der Krebs kam. Das muss ihr unglück­liches Leben gewe­sen sein, weil sonst nie­mand in der Fam­i­lie jemals irgen­deinen Krebs hatte. Nein, so ein Unglück und alle ste­hen da und schüt­teln eine halbe Sekunde lang betrof­fen den Kopf.

Aber dann muss sie Platz machen für eine größere Gruppe, die zwis­chen Kirche und unserer Gräber­reihe durch will. Zu dem rel­a­tiv frischen Grab weiter hin­ten. Noch mit Holzkreuz und schwarzem Band und schon beim vor­beige­hen drehte sich mir der Magen um, weil das Geburt­s­jahr unter dem Foto 1994 eine eigene Tragödie erzählt und mir sowas die folk­loris­tis­che Freude an Aller­heili­gen immer vol­lkom­men verdirbt.

Da rette ich mich nur noch durch die Proze­dur und den hefti­gen Geruch des Weihrauchs mit dem der Pfar­rer nach der Kirche durch die Gräber­rei­hen schre­itet. An guten Tagen, ohne so ein Grab machen die R. und ich uns den Spaß die Min­is­tran­ten böse anzus­tar­ren, bis manch­mal einer stolpert. Aber die wer­den auch immer abge­brühter. Die Bläser­gruppe steht außer­dem in so einem schrä­gen Winkel zu uns, fast auf der anderen Seite der Kirche, dass der Wind auch noch die paar ordentlichen Töne verz­errt und dann frag ich mich immer kurz ob ich nicht eigentlich in einem Film bin, denn so jemand wie der Schwarzen­berger insze­niert. Weil das komis­che Poten­tial ist auf jeden Fall da.

Und dann geben wir alle noch ein biss­chen Wei­h­wasser auf das Grab und fahren zur E., wo es Kaf­fee und Kuchen gibt. Wir witzeln, dass sie für uns nicht so einen Aufwand mit der Torte betreiben hätte müssen. (Die E. hat in ihrem ganzen Leben noch nichts gebacken. Sie ist mehr der Bohrmaschi­nen­typ. Darum ist sie aber nicht alle­in­ste­hend. Sie mag nur nicht wie anhänglich Män­ner schnell wer­den.) Dann trinken wir noch Wein und sagen natür­lich nichts böses über die M. und ihr Parkin­son und ich gebe zu, ich mag die Rit­uale. Am Tag darauf ver­falle ich nor­maler­weise in einen mehrstündi­gen Rant gegen die katholis­che Kirche. Das muss eine Reak­tion meines Immun­sys­tems sein.

Doch, ja. Natür­lich kom­men wir Aller­heili­gen vorbei.