Patsch / Bella / Blog

… vom Donnerhall fast taub

September 26, 2011 Allgemein , ,

Wenn das dann ohne mich

copy­right “the simpsons”


Zuerst wollte ich einen net­ten kleinen Nerd­beitrag zu iftt (if THIS then THAT) schreiben, ein Ser­vice, der viele unserer Anlauf­stellen im Inter­net verknüpfen und ergänzen kann.
Dann kamen die ganzen Facebook-Ankündigungen. Time­line! Daten! Dein Leben gehört jetzt Facebook!

Plöt­zlich wirkte es ganz schön däm­lich, ein­er­seits iftt zu loben und mich ander­er­seits über Face­book aufzure­gen. Also geht es jetzt, ziem­lich durcheinan­der, ein biss­chen um beides.

Kurz ein paar erk­lärende Worte zu ifttt. Im Grunde ist es der Domi­nos­tein zwis­chen zwei Inter­net­di­en­sten, der umfällt, wenn Dienst 1 etwas tut und damit bei Dienst 2 etwas anschiebt. Bei ifttt heißt so etwas “recipe” also Rezept. Damit so ein Rezept funk­tion­iert, muss ich es meinem ifttt-Account entweder selbst als “Task” eingeben, oder von beste­hen­den Rezepten anderer User übernehmen. Ich weiß, das klingt sehr the­o­retisch bis hier­her. Hier mal ein Beispiel aus meinem Account:

Von der Twit­ter DM zur Evernote-Notiz

Das heißt übersetzt: wenn ich bei Twit­ter eine DM bekomme, wan­dert diese als Notiz in ein vorher definiertes Notizbuch bei Ever­note. Es wird also ein Backup davon erstellt. Ähnliche Dinge habe ich für Face­book und Pos­ter­ous, Tumblr-Posts die ich mag oder Artikel im GoogleReader die ich teile, eingestellt.

Per­sön­lich nutze ich ifttt also vor allem, um Back­ups von den vie­len Din­gen die ich im Inter­net pub­liziere zu machen. Dabei kann es noch viel mehr. An Dinge erin­nern, das Wet­ter per SMS zustellen, Dinge in mehreren Streams gle­ichzeitig posten etc. Also ein ziem­lich prak­tis­ches kleines Ding. Wem es zu kom­pliziert ist, eine eigene Task zu erstellen sollte erst­mal durch die vie­len Recipes der anderen User blät­tern oder diesen Artikel bei Life­hacker lesen, der die Basics aus­führlich erklärt.

ABER. Damit hat ifttt the­o­retisch Zugang zu den vie­len Dien­sten, die ich nutze — schließlich muss es darauf zugreifen kön­nen, um die Tasks auszuführen. Dazu muss man sagen, dass ifttt meines Wis­sens nach nur oAuth-Verfahren bzw. APIs nutzt, um sich diese Zugriff­ser­laub­nis zu holen. Das bedeutet ohne großes Technik-Blabla, dass ifttt quasi bei meinem Twitter-Account “anfragt”, ob es sich die DMs holen darf und ich die Erlaub­nis erteile. Dabei wer­den keine Login-Daten oder gar die DMs bei ifttt selbst gespeichert.

Face­book ver­wech­selt User-Freundlichkeit mit automa­tisiertem Content

Ifttt darf also soviel, wie ich erlaube. Das kann ich ziem­lich detail­ge­nau definieren und bei Bedarf zurück nehmen. Und damit wären wir beim großen Unter­schied zu Face­book. Wer noch nicht mit­bekom­men hat (unter welchem Stein lebst du und kann ich da mit einziehen?), wie sich Zauberzw­erg Zucker­berg die Zukunft vorstellt, sollte sich das hier mal kurz durch­le­sen. Dass ich das Timeline-Gedöns für unfass­bar aufge­blasen halte1, weil sich Face­book damit als Zen­trum des per­sön­liches Inter­nets definiert, ist dabei gar nicht so rel­e­vant. Wichtig ist das hier (aus dem gle­ichen Artikel):

Pre­vi­ously, apps had to ask every time they shared infor­ma­tion about you in your pro­file. Now, the first time you autho­rize the app, it will tell you what it’s going to share about you. If you’re cool with that, the app never has to ask you again.

Das bedeutet, dass eine Anwen­dung bei der ich mich z.B. mit meinem Facebook-Account ein­logge (wie Groove­shark o. ä.) auf Face­book postet, welches Lied ich höre. Wom­öglich sogar jeden einzel­nen Song. Das hängt dabei nicht davon ab, wie viel ICH davon posten will, son­dern wie oft die App posten will. Ich habe ihr schließlich Zugang gegeben. Damit wird Face­book zur Doku­men­ta­tion­s­mas­chine, drama­tis­cher als Google es kön­nte. Denn während Google mit unseren Daten grade mal Wer­bung auf uns zuschnei­den will, will Face­book das alles unseren Fre­un­den zeigen.

Wenn man mich fragt, die schlim­mere Alter­na­tive. Soll doch Google sich fra­gen, wofür ich die Schuh­größe von Johnny Depp her­aus­finden will. Das muss aber meine kleine Schwester nicht wis­sen, ify­ouknowwha­timean.
Damit ver­sucht Face­book eine gefährlich Alles-oder-Nichts-Mentalität ins Inter­net zu inte­gri­eren. Unter dem Deck­man­tel von Post­pri­vacy (auch so eine saudumme Idee) oder Trans­parenz, die ver­hin­dern soll, dass man Anonym anderen etwas antut. (Das hat Men­schen ja immer schon von Belei­di­gun­gen abge­hal­ten. Oh wait…), wird ein Cool Kids-Table im Inter­net aufgestellt. Hey, sagen sie, komm zu uns, wir teilen ständig alles was wir tun oder kaufen oder lesen miteinan­der! Wer dann nur noch Status-Updates schreibt kön­nte ja etwas zu ver­ber­gen haben.

Das ganze Leben im Inter­net, ungeschminkt.

Klingt alles sehr nach 1984? Vielle­icht. Oder es ist ein­fach die Art, wie Mark Zucker­berg seine Welt gerne hätte. Aber ich bin nicht der Typ, der die eige­nen Fotos gern in der Aus­lage beim Fotografen sieht, oder sich für RTLs neueste Dokutainement-Horrorshow cas­ten lässt. Obwohl ich öffentlich twit­tere und blogge, gibt es Dinge, die nicht jeder im Inter­net wis­sen muss. Denn die meis­ten davon, würde er auch im “echten” Leben nicht ohne weit­eres erfahren.

Das Inter­net erweit­ert mein Leben um genau den Bere­ich, den ich brauche. Die Vorstel­lung, dass alleine Face­book gern diesen kom­plet­ten Bere­ich überwachen, doku­men­tieren und vor allem pub­lizieren will, gefällt mir nicht. Face­book war mal ein Ort wo ich auf eige­nen Wun­sch inter­agieren kon­nte — jetzt soll ich reagieren, wenn ich etwas nicht will.
Natür­lich ist es ziem­lich unwahrschein­lich, dass ich meinen Account lösche. Aber ziem­lich wahrschein­lich, dass ich alles was einen Berührungspunkt zum restlichen Inter­net her­stellt, erst­mal entferne.

Vielle­icht soll­ten die Nerds, die sich so sehr über die neues Fea­tures freuen daran erin­nern, wie grausam das Leben sein kann, und ob sie auch diese Dinge in ihrer Time­line doku­men­tiert sehen wollen würden.

  1. Nur mal ganz kurz: hätte mein 13jähriges Ich sich einen Facebook-Account zugelegt, hätte ich diesen spätestens mit 20 kom­plett löschen müssen, um nicht bis in alle Ewigkeit mit den Dummheiten in Verbindung gebracht zu wer­den, die ich damals so ins Inter­net geschrieben habe. Teenager sein ist hart, war es immer schon. In Zeiten des Inter­nets ist es trotz­dem wichtig, dass man sich aus­to­ben kann, ohne dass einen all das durch die gesamte Online-Lebenszeit hin­durch ver­folgt. Darum ist die Sache mit der Time­line von Geburt bis Ende eine saudumme Idee. Oder hab nur ich trau­rige Emo-Gedichte mit 14 auf Geoc­i­ties veröf­fentlicht? Eben. Wird sogar Zucker­berg irgend­wann fest­stellen.