Viktoria bedeutet “die Siegreiche”

Viktoria bedeutet “die Siegreiche”

18/10/2011 14:30 0 comments

Por­trait meiner Groß­mut­ter anno 1940

Zuerst wollte ich ein paar Worte zur Frauen­quote schreiben. Aber dann schien die Sonne und man brachte mir ein Bild. Heute ist Donna Dora, Matri­archin vor dem Herrn, ein Jahr tot. Damals habe ich die fol­gen­den Zeilen in mein rotes Notizbuch geschrieben. [Sollte Ihres oder mein Leben dere­inst ver­filmt wer­den, ver­bi­ete ich hier­mit sowohl Iris Berben als auch Veron­ica Fer­res jeden Zutritt zu der Rolle meiner Groß­mut­ter. Chris­tine Neubauer nur, wenn es ein Film in Original-Dialekt wird.]

Meine Locken habe ich von ihr. Meinen zweiten Vor­na­men.
Manche wür­den wohl behaupten auch meinen Sturkopf und das fehlende Tal­ent zum Flüstern. Oder für Diplo­matie.
Eher stark, zäh und amüsant als warmherzig und liebenswert.
Ich ver­wan­dle mich also bere­its jetzt in meine Groß­mut­ter. Und nun, wo sie nicht mehr da ist, kann ich nicht mehr beobachten ob ich vielle­icht doch auch ein paar pos­i­tive Eigen­schaften aus der Erb­masse ergat­tert habe.
Nicht, dass nur wir beide diese Attribute hat­ten. Das sind ziem­lich durch­set­zungs­fähige Gene. (Das erwäh­nte ich ja bere­its.)

Außer­dem hatte sie als Jahrgang 1922 dur­chaus Gründe, um nicht zu sagen Umstände, die sie so haben wer­den lassen. Mit kaum 18 ver­lobt, kurz darauf Bäuerin, Ehe­frau und wichtig­ste Madame auf dem Dorf. Man war schließlich der größte Bauer, der Ehe­mann hatte den Ortsver­band der CSU, den Sportverein und die Tra­chtler mit­be­grün­det. Mia san ja eppa
Es fol­gen Kinder, Krieg, Wittwen-Dasein, Ram­tam­tam. Der Mann stirbt kurz nach dem Krieg und eine ganze Weile ist sie alleinige Chefin auf dem Hof. So ganz hat sie ihn nie aus der Hand gegeben, zum Lei­d­we­sen ihrer Schwiegertochter. Die einzige Tochter muss sie zu früh zu Grabe tra­gen und bevor sie wirk­lich zum trauern kommt liegt der jüng­ste Sohn nach einem Unfall im Koma. Aber sie hat immer die Fäden in der Hand behal­ten.
Was soll man da wer­den — außer zäh?

Ein kluger Kopf und ein schar­fes Mundw­erk waren ihr gegeben, lange bevor das einer Frau irgen­det­was nutzte. Sie kon­nte schneller Kopfrech­nen als die Händler auf dem Kälber-Markt, hat sich gemerkt wer was wann über wen gesagt hat und das zu ihren Gun­sten genutzt.
Trotz­dem war sie eben nur die Frau vom Bauern. Darüber nicht ganz zu ver­bit­tern ist schon eine Kunst. Aber sie schuf sich kleine Fluchten, das kon­nte sie. 1

Trotz­dem, sie war meine Oma mit den Dampfnudeln und einem großen Glas voller Tof­fees neben dem grü­nen Fernsehses­sel. Und Stre­ich­wurst­sem­meln mit einer dicken Schicht But­ter als Unter­lage. Die mit uns nach München in den Tier­park fuhr und handgemachte Dirndl spendierte. Eine Patronin eben und sowas hat nicht jeder zur Großmutter.

Manch­mal bedeutete das auch, dass andere ver­lieren, ein­stecken mussten. Haupt­sach, die Fam­i­lie war geschützt. Wir soll­ten alle immer den Kopf oben hal­ten und auf Respekt pochen, do kannd ja nachad jeda daher kemma.

Jetzt, wo ich plöt­zlich mit einer gewis­sen Wehmut an sie denke, schaue ich erst recht darauf, dass ich ihr kei Schand’ mach. Das ist die Macht von Großmüttern.

  1. Bei einer solchen Gele­gen­heit ent­stand das obige Bild. Frisch ver­lobt war sie auf ein­mal ver­schwun­den. Zuerst in München, wo sie sich por­traitieren ließ und nach einem kurzen Abstecher in Ital­ien zurück kam, um brav den älteren Bauern zu heiraten.