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… vom Donnerhall fast taub

August 18, 2011 Allgemein ,

stupid girl

Und dann fällt mir gestern Nacht wieder ein­mal ein, warum ich das Inter­net so liebe.

Weil ich hier doof sein darf.

Weil es hier immer jeman­den gibt, der sich besser auskennt, mehr weiß, mehr Erfahrung hat. Das ist toll. Denn die meis­ten dieser Men­schen kann ich im Inter­net auch fra­gen und sie antworten gern zu “ihrem” Exper­ten­thema. Keiner ist all­wis­send, das ist quasi ein grundle­gen­des Inter­net­prinzip. Beson­ders auf Twitter.

Jetzt fra­gen Sie sich vielle­icht: aber im “echten” Leben weiß doch auch nie­mand alles? Natür­lich nicht. Aber wir tun dauernd so. Nein, halt, ich tue dauernd so. Als dauer­plap­pern­des Besser­wis­sergeschöpf bin ich für Men­schen, die mich in der “echten” Welt ken­nen, eine Art analoge Wikipedia gewor­den. Das habe ich im Übrigen selbst zu ver­ant­worten. Schließlich wollte ich immer zu allem eine Mei­n­ung entwick­eln, mich aus purem Kom­plex her­aus zu jeder Frage äußern.

In der Schule war ich die mit der guten All­ge­mein­bil­dung, im Studium der Freak der bei allen Möglichen Sachen auf dem neuesten Stand ist. Ein Teil von mir fand das sogar gut. Der Teil ist mein Ego. Während mein Ver­stand oft schrie WAS TUST DU DA? DU HAST DOCH EIGENTLICH KEINE AHNUNG! GIB DOCH ENDLICH ZU, DASS DU ES NICHT CHECKST!. Aber solange die Men­schen mich um Rat fragten und oft genug sehr beein­druckt waren (ich kann mein Unwis­sen ver­bal wirk­lich gut ver­packen), hab ich weiter gemacht.

In einer Übergangsphase habe ich den mich umgeben­den Offlinern dann das erzählt, was kluge Leute im Inter­net gesagt haben. Daraufhin hat man mich für ern­sthaft schlau gehal­ten. Scary stuff. Ganz langsam hab ich dann ange­fan­gen eine Art Quel­lenangabe meiner Behaup­tun­gen anzugeben. “Also jemand der selbst Schied­srichter ist, sagt, dass er den Freis­toss nicht anpfeifen muss.” Oder gern auch während der Tagess­chau. “Das ist SO gar nicht passiert und das sagt jemand der VOR ORT war.”

So gese­hen ‚macht das Inter­net mich noch schlauer. Inter­es­sant ist, dass es einen Unter­schied macht ob ich sage: “Tat­säch­lich ging es bei den Slut Walks eben nicht um Klam­ot­ten.” Oder ich sage: “Die Mädels die mit demon­stri­ert haben, erzählen von bösen Din­gen, die sie sich anhören mussten.” Während ich als Bewohnerin des Inter­nets, die Ver­sion MIT Quel­lenangabe rel­e­van­ter finde, ist für Men­schen die Aus­sage ohne meine Quelle:Internet oft glaub­würdi­ger. Noch.

Bere­its jetzt sorgt es in manchen Fällen für Nach­fra­gen a la “wo kann ich mehr dazu lesen” oder “gibt es einen Blog zu dem Thema?”, aber noch ist es zäh. Das hat bes­timmt damit zu tun, dass ich auf dem Land lebe und ich, anders als manch andere, noch mit Men­schen zu tun habe, die keine Emailadresse besitzen. Aber es zeigt, wie der sich zu langsam wan­del­nde Umgang tra­di­tioneller Medien mit dem Inter­net einen schlechten Ein­druck hin­ter­lässt. Wenn die Tagess­chau unter einem Bild die Quelle als “Inter­net” angibt, oder böse Nachrichten gern mit “Die Täter haben sich im Inter­net (!) oder bei sozialen Net­zw­erken verabre­det”, sorgt das nicht für Begeisterung.

Und es gibt in Zeiten einer immer älter wer­den­den Gesellschaft der Poli­tik die falschen Argu­mente in die Hand. In Eng­land wur­den jetzt zwei junge Män­ner zu Haft­strafen verurteilt, weil sie auf Face­book zur Ran­dale aufgerufen hat­ten. Hät­ten sie Flyer verteilt, hätte man das bei Gericht wohl weniger eng gesehen.

Das Prob­lem ist: je mehr wir darauf achten müssen, was wir im Inter­net sagen, weil es drastis­chere Kon­se­quen­zen haben kann als die Äußerung durch andere Medien, desto weniger wer­den Men­schen klare Hal­tun­gen und fundierte Mei­n­un­gen äußern. Auch Men­schen, die sich tat­säch­lich auskennen.

Dadurch wird das Inter­net als ganzes düm­mer. Und das kann ich wirk­lich nicht brauchen.

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