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… vom Donnerhall fast taub

September 4, 2011 Allgemein ,

Das Dirndl-Dilemma

Von Links: Meine Schwester R., das Nach­barskind S., Cou­sine F. und yours truly

Ein Dirndl ist keine Verklei­dung. Es braucht keine Hei­dizöpfe, es braucht keine roten Bäckchen, man muss die Lieblings­bands nicht via But­tons auf der Dirndl­bluse kund­tun, im Bierzelt geht jeder noch so her­vor­ra­gende Musikgeschmack sowieso sofort über Bord. Es braucht erst recht keine Chucks oder Stiefel oder Tim­ber­lands oder Net­zstrümpfe unten­drunter. Das einzige Adjek­tiv, das eine Frau im Dirndl dabei­haben sollte ist: sauber. Sauber gewaschen, sauber gekämmt, sauber innen­drin­nen. Und zwar bitte min­destens bis zur drit­ten Maß. Maß. Nicht Maas.

Und ich dachte, wenn ich diesen Artikel oft genug ver­linke, ist es auch gut damit. Aber das ist es nicht. Es wird nur noch schlim­mer. Momen­tan ist wieder Sai­son. Für all die Herbst — und Volks­feste. Und die Wiesn, Mut­ter aller Dirndl-Verirrungen steht quasi schon vor der Tür.

Dir kann man es aber auch nicht recht machen. Es sind doch bloß Dirndl!” sagte meine Schwester ent­nervt, nach­dem wir eine Runde über das Rosen­heimer Herb­st­fest gedreht hat­ten. Nur Dirndl? Ah ja. Es ist aber eben eine Tra­cht. Es steht in einer Reihe mit dem Sari, einem Kimono und den putzi­gen Hüten der Mädels aus dem Schwarzwald.

Als geborene Bay­erin steht es mir im übrigen zu, der­ar­tige Urteile zu fällen. Ich darf auch über Bay­ern, die CSU und die katholis­che Kirche schimpfen so viel ich will. Qua Geburt­srecht. Stattdessen ver­suche ich mich plöt­zlich zusam­men zu reißen während Cindy und Nancy aus Dort­mund oder Ros­tock sich in an Dirndl erin­nernde Polyester-Fetzen zwen­gen. Dazu tra­gen sie mit Glitzer­steinchen beset­zte Tascherl und flechten sich die Haare zu krum­men Zöpfen. Bei der­lei Anblicken schnellt bei mir mit­tler­weile fast automa­tisch der Fin­ger nach oben und ganz wie meine Groß­mut­ter, Got­thab­sieselig, fängt eine kleine Stimme in mir an zu dozieren, warum das alles so nicht geht.

Daher biete ich heute mal eine exk­lu­sive Service-Leistung hier im Blog an. Einen Grund­kurs. Was ist eigentlich ein Dirndl, wer darf das anziehen und was gehört alles nicht dazu? (UND DIE NÄCHSTE FRAU DIE ICH IN KURZEN LEDERHOSEN ERWISCHE MELDE ICH DER TRACHTEN-POLICE. DAS IST MEIN ERNST. IHR TRETET MEIN BRAUCHTUM MIT FÜßEN DIE NOCH DAZU IN CHUCKS STECKEN.)

    [UPDATE]
    Weil ger­ade disku­tiert wurde, WER denn nun so ein Dirndl tra­gen darf. Ganz ehrlich: Wenn es ein ordentliches Dirndl ist, wenn man sich der Tra­di­tion zumin­d­est im Ansatz bewußt ist und nicht neben­her Witze über meinen ach so putzi­gen Volksstamm macht, bin ich da mit­tler­weile tol­er­ant. Was heißt es heute schon “Münch­ner” zu sein? Es gibt Men­schen die seit Gen­er­a­tio­nen hier leben und trotz­dem dialek­t­los und als Veg­e­tarier ihr Dasein fris­ten. Warum soll­ten die mehr Recht auf die Tra­cht haben als jemand der als ern­sthaft enthu­si­astis­cher Besucher von außer­halb kommt?

    Natür­lich sollte die ursprüngliche Tra­cht, wie z.B. die Tegernseer Vari­ante auch den dort Ansäs­si­gen vor­be­hal­ten sein — aber ein Dirndl an und für sich, mit Respekt und Würde getra­gen ist das recht für jeden inneren Bay­ern. Da sollte ein Geburt­sort nicht im Wege stehen.

    Wie gesagt, ein ORDENTLICHES DIRNDL. [/UPDATE]

    Wir fan­gen unten an, bei den Schuhen. Es müssen keine Haferlschuhe sein, wenn man nicht im Tra­cht­enumzug dabei ist. Aber Chucks, Bal­leri­nas und High Heels gehen eben nicht. Schlichte dun­kle Schuhe mit Max­i­mal 3 Zen­time­tern Absatz, damit kann man kaum falsch liegen. Und Fin­ger weg von allem, auf dem Swarovski steht!

    Das Bein­kleid? Sim­pel: Wenn kalt dann Strumpfhose, wenn nicht dann Nichts. Nichts, was auch nur im ent­fer­n­testen Ähnlichkeit mit einer Leg­gins hat, darf sich in einem 5 Meter — Radius zum Dirndl befinden, ARE WE CLEAR?
    Aber davon sollte ohne­hin nicht viel gese­hen wer­den, weil ein ORDENTLICHES DIRNDL MINDESTENS ÜBER DEM KNIE ENDET. Ich kann diesen Punkt nicht oft genug wieder­holen. Als wäre Donna Doras Geist in mich Gefahren, will ich mit dem Maßband an die Scharen junger Damen her­antreten, die glauben, es wäre okay, dass ihr Rock knapp über den Hin­ter­backen endet. Ist es nicht. Ganz und gar nicht.

    Überhaupt, der Rock. Keine Spitze, kein Poly­ester, keine Neon­far­ben und ordentlich gereiht muss er sein. Gereiht? Ja, das ist der Aus­druck für die schö­nen Fal­ten, in denen ein guter Rock im Rücken liegt. Dafür braucht es viel Stoff, Baum­wolle oder Seide. Ver­dammte Axt, ein ordentliches Dirndl ist auch eine Investi­tion, zefix.

    Das geht natür­lich naht­los über in den oberen Teil des Kleids. Da darf der Stoff leichter sein, aber ordentlich genäht muss er sein. Glitzern sollte max­i­mal das Chari­vari. Ein bis­serl Spitze darf sein, aber für Anfänger gilt: Vorsicht!

    Wir haben also Schuhe und ein Kleid. Was brauchen wir noch? Richtig, eine Bluse. Bere­its hier fallen viele, sogar ein­heimis­che Madln durch’s Raster. Dabei ist es ganz ein­fach: Sie ist weiß und aus Baum­wolle. WEIß. Nicht schwarz, nicht trans­par­ent, nicht gold oder irgen­deine dieser got­t­losen Vari­anten. Im Auss­chnitt darf gern ger­afft wer­den, es soll ja gezeigt wer­den was man (Frau) hat. Bitte die Bluse nicht zu knapp kaufen, größen­mäßig. Die Arme müssen beweglich genug bleiben, um einen Maßkrug zu heben. Und diese ganze Hände zum Him­mel — Angele­gen­heit natürlich.

    Das sieht doch bis jetzt ganz ordentlich aus. Und nun? Das Icing on the Dirndl-Cake: die Schürze. Das Schürzen-Band darf schön breit sein, es muss ja gut sitzen. Außer­dem ist sie sauber abgenäht und endet max­i­mal eine hand­breit vor dem Rock. Sie hat keine Pail­let­ten oder But­tons, sie passt far­blich zum Kleid, steht aber nicht in totalem Kon­trast. Auf ihr sind weder Totenköpfe noch Son­nen­blu­men. Ganz ein­fach beim Dirndl-Kauf einen Bogen um diese Dinge machen und ihr seid schon halb im Bierzelt.

    Jetzt wären wir Trachten-mäßig schon sauber beisam­men, wollen es uns aber nicht an der Ziellinie versauen.

    Ein gutes Dirndl braucht nur wenig, sehr wenig Schmuck. Je opu­len­ter das Chari­vari, desto weniger am restlichen Madl. Anson­sten: Ein schönes Kropf­band, eine kurze Kette mit gutem Anhänger ODER ein fil­igranes Arm­band. Erneut ist schlichter stil­voller. Kein Edel­weiß oder Hirschhorn, kein “I hob di liab” oder Thomas Sabo Bierkrug. Ein Herz, ein Stein, kein Brim­bam­bo­rium. Ähnliches gilt für den ulti­ma­tiven Kopf­schmuck, die Haare.

    Nichts gegen Zöpfe, aber ein guter Zopf braucht ein gewisses Grund­vol­u­men. Darunter sollte man die Fed­ern nicht flechten. Heute haben nicht mehr alle Frauen hüft­lange Mäh­nen und das ist auch okay so. Man darf Haare offen tra­gen. Die klas­sis­che Vari­ante ist natür­lich hochgesteckt. Aber nicht so wie die Mäd­chen­bilder, die ihr auf Tum­blr klickt, mit Sträh­nen die irgendwo rum­fliegen, son­dern g’scheid. Mit Haar­nadeln und so. Gut gemacht hält das natür­lich lange durch, ist aber nichts für arg spon­tane Wiesn-Gängerinnen.

    Mit einem Lächeln überlegen wir jetzt noch wohin die Schleife der Schürze schaut und kön­nen husch tusch auf ins Getümmel!

P.S. Leder­ho­sen sind ein ähnlich gefährliches Ter­rain. Liebe Her­ren der Schöp­fung: Schaut kri­tisch in den Spiegel, schaut euch eure Arme und die Wadl an. Ist das die Figur für ein solches Hemd? Ist da genü­gend Wadl-Substanz für eine Leder­hose? Habt ihr einen Hang zum Hipster-Styling? Dann lasst es. Die momen­tan auftre­tende Spezies der Lederhosen-Hipster ist so ziem­lich das unat­trak­tivste, dessen ich seit langem ansichtig wurde.

P.P.S.: Es gibt keinen Uniform-Zwang auf einem Volks­fest. Es ist kom­plett in Ord­nung nicht im Dirndl son­dern im Som­merkleid oder in Jeans dor­thin zu gehen. Eigentlich gehört man damit dann schon zu den Rebellen und ist ergo schon wieder cool. Denkt mal drüber nach.

  • http://skizzenblockg.blogspot.com/ Pene­lope

    Endlich eine klare Dirndlansage *-*

  • http://twitter.com/frau_hecht steffi hecht

    Danke für den Artikel, auf so eine gelun­gene Erk­lärung hab ich lang gewartet. 
    Ich hab mich bisher nicht getraut ein Dirndl zu kaufen, eben weil mir die Stolper­steine doch zu groß schienen. Näch­stes Jahr nehm ich deine Ratschläge dann vllt. her und geh zum Tra­cht­engeschäft des Ver­trauens. Für dieses Jahr ist es dann doch schon fast zu spät und ich habe mir schon vor Monaten vorgenom­men, mich nicht für die Wiesn zu verklei­den, komme ich doch nicht ein­mal aus Bayern. 

    • Anony­mous

      Och, danke. Es ehrt dich sehr, dass du dir diese Gedanken machst anstatt dich ein­fach in eines dieser Karneval-Dirndl zu wer­fen. Aber du bist ja fast schon eine einge­bürg­erte Süd­deutsche, da gibt es einen gewis­sen Spielraum ;-)

  • http://twitter.com/inschka insa. oh insa.

    Mein Dirndl erfüllt alle Bedin­gun­gen (ich bin sel­ber regelmäßig entsetzt, was man da so auf Volks­festen antrifft. Lei­der muss man aber auch ehrlich dazu sagen, dass es mit­tler­weile nicht nur Touris­ten, Zuge­zo­gene (und Pubertierende) sind, die stilmäßig so vol­lkom­men daneben lan­gen), bei den Schuhen erlaube ich es mir aber tat­säch­lich eine Auge zuzu­drücken und Bal­leri­nas zu tra­gen. Die passen her­vor­ra­gend dazu, sind schlicht und schön und im Zweifels­fall rede ich mich ein­fach damit raus die ersten 10 Jahre meines Lebens in Han­nover ver­bracht zu haben ;)

    • Anony­mous

      10 Jahre Han­nover? Du musst ein sehr, sehr starker Men­sch sein. Und eine hohe Langeweile-Toleranz ha…oh, wait.

      • http://twitter.com/inschka insa. oh insa.

        Dadurch, dass es von 0–10 war, ich also die ersten Jahre nicht bewusst miter­lebt habe (ich würde mal so grob 3 Jahre abziehen), und es in dem Alter glück­licher­weise doch noch rel­a­tiv egal ist, wo die Bäume ste­hen, auf denen man rumk­let­tert, bin ich zum Glück ohne bleibende Schä­den davon gekom­men. Glück gehabt!

  • http://twitter.com/_stk stk

    Tra­cht, Popacht. Deswe­gen geht man doch auch ger­ade mit Fleiss nicht auf die Wiesn (oder den Wasen, oder was es hier sonst noch so gibt), son­dern meinetwe­gen aufs Wein­fest in Her­ren­stet­ten oder die Hock­ete in Burlafin­gen. Da glauben die Leute dann auch nicht, sich mit Pseudo­tra­chten verklei­den zu muessen (vgl. SWP vom let­zten Herbst) ;)

  • Keks

    Die Krö­nung ist dann, wenn dir in meiner Heimat­stadt auf dem soge­nan­nten “Oktoberfest“nur noch Men­schen mit Dirndl ent­ge­gen kom­men. 
    Danke für diesen aus­führlichen Exkurs. Sehr span­nend das. Und über das Bild grinse ich noch eine Weile selig :-).

    • Anony­mous

      Dirndl. In Mannheim. Ich muss das jetzt erst­mal verdauen. 

  • http://twitter.com/sarahyasemin Sarah Kaud­erer

    Danke dafür — ich krieg hier in Stuttgart immer Augenkrebs wenn die spät– oder frühreifen Mäd­chen in Dirndl-Uniform zum Wasen ren­nen — ich schäm mich dann immer ein bißchen und entschuldige mich im Geiste bei euch

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  • Pleit­egeiger

    Sollte ich je Dirndl tra­gen (Pro­bieren würde ich es gerne mal, Holz wäre vorhan­den), dann ver­spreche ich: keins mit Totenkopf.
    Nicht (nur) wegen Dir, son­dern aus Gründen.

    • Pleit­egeiger

      Oh, ich habe einen hüb­schen Avatar, aber keine URL. Und mein Disqus-Passwort vergessen. Hmpf.
      (Huch. Ich wollte doch keine Selb­st­ge­spräche mehr in der Öffentlichkeit führen…)

  • http://rungholt.wordpress.com/ Lila

    Nicht ganz taufrischer Ein­trag, ich hab ihn aber jetzt erst gesehen. 

    Ich erin­nere mich aus meiner Kind­heit in den 60ern, daß nicht nur  meine Cousi­nen aus Wol­frat­shausen, son­dern auch ich und meine Fre­undin­nen Dirndl tru­gen. Das war damals ein­fach ein beson­ders hüb­sches Kleid. Ich habe meine zwei Lieblings­dirndl nie vergessen. Und Jun­gens tru­gen Lederhosen. Da mir konservativ-weiblich geschnit­tene Klei­dung am besten steht, bedaure ich manch­mal, daß es das Dirndl und andere lokale Tra­chten als ganz ein­fache All­t­agsklei­dung nicht mehr gibt. Schon vor ein paar Jahren, als ich Anne Hol­lan­der las, habe ich mich gefragt: wieso eigentlich sind Män­nerk­lam­ot­ten, also Jeans und T-shirt, die “modisch neu­trale” Vari­ante geworden? Die Paradiesvogel-Varianten tun einem wirk­lich in der Seele weh. Schon eine Carmen-Bluse empfinde ich als Stil­bruch. Totenköpfe auf der Dirndlschürze… 

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  • Nessy­chen

    Wie gut das ich nördlich der Elbe zum Okto­ber­fest gehe. Wir haben hier andere Gesetze. LG aus Hamburg

  • Zech­bauer

    Sehr schön, darauf hat NRW gewartet! Ich gebs weiter :)

  • Tiro­lerin

    Nur so als Anmerkung: Dirndl ? Tra­cht! Aber sonst toller Artikel