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… vom Donnerhall fast taub

August 14, 2011 Allgemein ,

Ahnenforschung

Haben sie eigentlich ital­ienis­che Vorfahren?”

Die Amts-Mitarbeiterin lacht mich enthu­si­astisch an. Fast will man ihr irgen­det­was Nettes sagen. Ich zögere wohl einen Moment zu lange.

Oh, sie wer­den das oft gefragt, oder?“
Ich nicke, grinse. Und sage “Aber das ist schon einige Gen­er­a­tio­nen her.”.

Das auf dem Schoß meiner Groß­mut­ter ist kein kleines Mäd­chen, son­dern mein Vater.

Graublaue Augen, eine Stup­snase, kleine Lip­pen wie eine Porzel­lan­puppe. Haut­farbe möchte ich dieses gip­sige etwas gar nicht nen­nen. Aber es hilft nichts. Die Haare sind dunkel­braun­fastschwarz und locken sich in dicken Sträh­nen über meine Schul­tern. Mehr braucht es nicht. Und es wird nicht besser, wenn mich meine Schwester mit ihren großen braunen Augen und dem Teint einer brasil­ian­is­chen Strand­be­wohnerin abholt.

Nun sind meine Eltern und meine Großel­tern in bay­erischen Gefilden geboren und herangewach­sen. Aber Gene sind eine lustige Angelegenheit.

Als meine Groß­mut­ter, die huld­volle Donna Dora, let­zten Herbst ver­starb, kon­nte sich die ganze Kirchenge­meinde mal wieder davon überzeu­gen. Im Zug hin­ter dem Sarg mein Vater und mein Onkel — ihre Söhne also — , die ausse­hen als hätte man sie von der Arbeit auf einem sizil­ian­is­chen Wein­berg geholt. Dahin­ter die Cousi­nen D. , M. R. V. und F. Saubere bay­erische Bauern­mädel. Sie ziehen bere­its eine Schaar Urenkel hin­ter sich her. Sie wuseln in ihren Dirndl durch die Menge. Zwar hat D. die dicken Haare und F. die Locken geerbt, aber sie ist blond wie der Son­nen­schein und wirkt dadurch eher fehl am Platz.
Das Tuscheln beginnt bei mir und meiner Schwester. Sie sieht fast zu exo­tisch aus. Obwohl es ende Okto­ber ist, sieht sie braunge­brannt aus. Die kurzen Haare, das große Lächeln — einen Tick zu hüb­sch für das Dorf, aus dem wir schon vor Jahren wegge­zo­gen sind.
Dann ich. Sie erin­nern sich noch an das kleine Mäd­chen, das so fre­undlich alle gegrüßt hat. Darauf war Donna Dora sehr stolz. Auch auf mein schnelles Mundw­erk. Dee kimd aba nooch earna, Frau Dora. Bis auf die Nase entspricht mein Pro­fil heute fast exakt ihrem. Nur trug sie ihre Haare immer hochgesteckt.

Ein­mal hab ich als 8jährige gese­hen, wie die Groß­mut­ter ihre Haar­nadeln aus dem Dutt löste und die Haare bis zur ihrer Hüfte herunter fie­len. Da war sie schon über 60. Und bis auf die grauen Sträh­nen außen, da wo sie mit Licht und Luft in Berührung gekom­men waren, waren sie so Schwarz wie das sprich­wörtliche Ebenholz.

Wenn ich irgend­wann viel Zeit und Muse habe, werd ich doch noch diesen Fam­i­lien­ro­man schreiben. In dessen Zen­trum die junge Donna Dora steht. Klug und Schön und eigentlich zu eigensin­nig für die Umstände in die sie hinein geboren wird. Wäre sie heute eine junge Frau würde sie kaum den älteren Bauern heiraten, son­dern eher ein Unternehmen leiten oder Bürg­er­meis­terin wer­den. Sie hatte Autorität und Biss.
Sie war daher nicht unbe­d­ingt eine warme, sehr kusche­lige Oma, aber eine beein­druck­ende. Und die beste Erk­lärung für viele meiner Eigen­schaften heute.1

Meine Güte, da bin ich aber weit abgeschweift.

Eigentlich wollte ich erzählen, warum sich ein einzel­ner Gen-Strang mit solcher Wucht durch die Gen­er­a­tio­nen zieht. Wis­sen sie, meine Groß­mut­ter war auch gern mys­ter­iös. Außer­dem entsprach ihre Herkunft nicht ihrem natür­lichen Drang in höhere Gefilde der Gesellschaft.
Dabei war meine Urgroß­mut­ter ver­mut­lich nur sehr lebenslustig.

Die Hal­bgeschwis­ter meiner Groß­mut­ter waren Bauernkinder, nach­dem die kurze Verbindung mit einem Kauf­mann ergeb­nis­los blieb, wie Donna Dora es nan­nte. Sie und ihr Bruder, der wilde Geschicht­en­erzäh­ler der Fam­i­lie, waren aber die ältesten Kinder.

Mein Urgroß­vater väter­lich­er­seits, eigentlich großmüt­ter­lich­er­seits, ist eine wage, dun­kle Gestalt in den Geschichten, die auf Fam­i­lien­feiern nach eini­gen Gläsern selbst ange­set­ztem Erd­beer­limes erzählt wer­den. Aber erst, wenn meine Groß­mut­ter sich zurück gezo­gen hatte. Damit sie sich nicht aufregt.
Dann jedoch legte ihr Bruder Sepp los. Dabei ergänzte allein sein Wesen die Frage nach meinen Ahnen schon sehr gut. Er genießt das Leben, die Frauen. Zum Gehen braucht er schon lang einen Stock, da kaufte er sich einen Sportwagen-Oldtimer.

Jeden­falls sagte er gern, sein Vater war im Grunde ein Frei­heit­skämpfer. Wofür oder gegen wen er gekämpft hat, kon­nte er nicht genau sagen, aber ein hin­terlistiger, toller Kerl soll er gewe­sen sein. Und die Sache mit dem abge­bran­nten Hof damals war bes­timmt eine Ver­schwörung. So ver­schwand er näm­lich aus dem Leben meiner Urgroß­mut­ter. Ein benach­barter Hof war fast kom­plett herunter gebrannt, Brand­s­tiftung sagte die Feuer­wehr. Daraufhin sagte der Gen­darm (!), der exo­tis­che Fremde mit den dun­klen Augen und schwarzen Haaren, den meine Urgroß­mut­ter geheiratet hatte, sei verdächtig.

Er wurde ein paar Tage einges­perrt. Es fand sich nichts, was die Anschuldigun­gen bestätigte. Als man ihn frei lies, ver­schwand er. Sepp sagte, dass es eine Hand­voll Män­ner im Dorf gab, die seine Mut­ter haben woll­ten und denen kam es ger­ade recht.

So weit, so irgend­wie glaub­würdig. Aber wer war er denn, woher kam er?
Nun, Großonkel Sepp lehnte sich dann gern nach vorn und erzählte eine von vie­len Ver­sio­nen davon, woher mein Urgroß­vater gekom­men war.
Zuerst war er aus Südtirol und auf Wan­der­schaft als Handw­erker hän­gen geblieben. Dazu passt der der Mäd­chen­name meiner Groß­mut­ter tat­säch­lich. Ein ander­mal war er ein neapoli­tanis­cher Ver­brecher, der über die Alpen floh und in dem kleinen Dorf ein neues Leben anf­ing. Meine Lieblingsvari­ante ist die vom San­dler aus der Toskana, der wegen zu viel Ärger mit den Frauen, also eigentlich deren Män­nern, weg musste. Ein San­dler ist dabei jemand ohne genaue Tätigkeit, eine char­mante Ver­sion des Taugenichts.

Die Wahrheit wird irgendwo in der Mitte liegen, wie immer. Fest steht: nicht nur der Phäno­typ, auch das Tem­pera­ment und der Hang dazu mit den Hän­den zu reden, sind auf ewig Teil unserer Gen-Masse. Vielle­icht ist es genau dieser Teil, der dafür sorgt, dass es sich wie nach Hause kom­men anfühlt, sobald ich den Bren­ner überquere. Und wer weiß wann und wo meine Ahnen noch zu mir sprechen. Ich sollte mir ein Glas Wein ein­schenken und ihnen lauschen.

  1. Nicht, dass sie sich nicht geküm­mert hätte, nein! Liebevoll gestrich­ene Sem­meln mit einer Schicht But­ter unter der Stre­ich­wurst, wenn wir draußen gespielt haben. Wenn wir, bzw. ich, mit einem aufgeschürften Knie zurück kamen, saß ich in der alten Küche des Hofs (mit Hol­zofen!) und bekam eine Geschichte erzählt, während sie einen Viertel­liter Jod auf dem Knie verteilte. Ich erin­nere mich noch an den Geruch dort. In der Küche wurde immer irgen­det­was gebacken oder gekocht, viel Sahne geschla­gen. Vom Haus­gang kam ein leichter Dunst vom Stall herein, gemis­cht mit Heu.