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… vom Donnerhall fast taub

July 17, 2010 Allgemein, wurfpuschel , , , ,

Serienentwicklungsland

Zu den Din­gen mit denen ich dieses kleine Blogdings in näch­ster Zeit füllen will, gehört auch das hier, ein quasi Serienstöckchen.

Und als ich mir dazu so Gedanken gemacht habe, ist mir aufge­fallen, dass am Ende die Meis­ten der erwäh­n­ten Serien aus den USA und ein paar aus Eng­land kom­men wer­den, aber fast keine aus Deutsch­land.
Warum eigentlich?
Weil das so eine Sache ist, mit dem Serien­pro­duk­tion­s­stan­dort Germany.

Prob­le­mansatz eins: die Sender.

Egal ob öffentlich rechtlich oder pri­vat, deutsche Fernsehsender fördern heimis­che Pro­duk­tio­nen nur man­gel­haft. Natür­lich ist das eine Geld­frage. Auch. Denn selbst, wenn man nicht die Pro­duk­tion­swerte amerikanis­cher Krim­is­e­rien (CSI ich hör dir trapsen) zu Grunde legt, so ein biss­chen muss ein­fach investiert wer­den.
Nur, kommt es wirk­lich immer bil­liger Serien­ware aus den USA zu kaufen (und nicht lizen­sieren!), zu syn­chro­nisieren und noch ein­mal zu ver­mark­ten? Ger­ade in Zeiten in denen Serien­fans auch ohne größere tech­nis­che Kent­nisse an neue Fol­gen im Orig­i­nal kurz nach Ausstrahlung in den USA bekom­men?
Nicht unbedingt.

Ergo: Hat ein deutscher Fernsehsender die Wahl 1 Mio. Euro entweder in den Einkauf einer (wom­öglich mit­tel­prächti­gen und bere­its wieder gecan­cell­ten) amerikan­sichen Serie zu stecken oder dafür etwas Eigenes zu prodzuieren (Etwas, dessen Ver­martkungsrechte auch nach der Erstausstrahlung beim Sender liegen) wird immer reflexar­tig, die fremde Serie eingekauft.
Schließlich hat die bes­timmt besser Quoten, denken sich die Sender.

Nun, jein. Dazu muss man Wis­sen, dass Quoten­mes­sung in Deutsch­land heute noch so funk­tion­iert, wie zu Zeiten von Wim Thölke und Hans-Joachim Kuh­lenkampff (die googelt ihr jetzt gefäl­ligst selbst, ihr jun­gen Hüpfer.). Näm­lich, in dem aus­gewählte Haushalte ihr Fernse­hver­hal­ten mit­tels Knopf an der Fernbe­di­enung doku­men­tieren. Das Ver­hal­ten dieser Gruppe wird dann hochgerech­net. (Also auch wieviele Men­schen ins­ge­samt fer­nge­se­hen haben.)
Das setzt voraus, dass diese Men­schen tat­säch­lich immer brav den Knopf drücken und vor allem, dass sie alles was für’s Fernse­hen pro­duziert wurde, auch über ihr TV — Gerät kon­sum­ieren.
Und jetzt überlegen wir alle ganz scharf, was sich daran geän­dert haben könnte.

Damit entspricht die, grade für die Wer­bein­dus­trie so wichtige Quoten­mes­sung, nicht mehr annäh­ernd der Wahrheit. Zwar wis­sen es viele Sender mit­tler­weile besser und stellen ihren Con­tent auch Online zur Ver­fü­gung — sie tun dies aber in einem gewis­sen Blind­flug was die tat­säch­lichen Empfänger angeht. Woher soll so ein Fernsehsender also wis­sen, dass es Men­schen gibt, die sich für eine gute deutsche Serie begeis­tern wür­den? Stattdessen ver­lassen sie sich auf das Dogma, das alles was aus dem geheiligten Land der TV-Produktion kommt auch Zuschauer gewinnt und ver­mei­den im Zuge dessen auch großzügig das Nach­denken über eine eigene Pro­gramm­struk­tur und Sender­per­sön­lichkeit. Und als Füll­ma­te­r­ial gibt es ja reality-tv mit Skripts. (RTL, I am look­ing at you.)

Außer­dem, für Eigen­pro­duk­tio­nen muss man sich um so viel küm­mern. Vorallem um gutes Material.

Prob­le­mansatz zwei: kreatives Brachland

Der jahre­lange Kreis­lauf aus Sendern die ihre Zuschauer für doof hal­ten und mit weni­gen Aus­nah­men Drehbücher ver­fil­men die diese These unter­stützen rächt sich dann eben doch.
Nicht, dass es nicht Drehbuchau­toren, Regis­seure und Schaus­pieler gibt, die gut in ihrem Fach sind (we’ll get to that in a minute), aber zwis­chen Soaps und Telen­ov­e­las, Alarm für Cobra 11 und Inga Lind­ström, ist es ein Kraftakt als solcher zu überleben.
Und grade hier lohnt der Blick in die USA: ein guter Showrun­ner, der die Haup­tidee hat und über den roten Faden durch Drehbücher und Pro­duk­tion wacht ist sein Geld wert. Man google dazu J.J. Abrams, (Lost, Fringe, Star-Trek Reboot) Matt Weiner (Mad Men, begann als Schreiber­ling bei den Sopra­nos) oder Tina Fey (30 Rock, Sarah Pahlin).
Und natür­lich schreiben diese Men­schen auch große Teil der Fol­gen, aber ihr wichtig­ster Job ist das man­a­gen einer Serien­pro­duk­tion — und dirigieren des writ­ers room.
Ein Raum in dem Ideen aus­ge­tauscht, Serien­fol­gen kon­stru­iert und anschließend geschrieben wer­den. Damit Charak­tere, Dialoge und Sto­ry­lines kohärent sind. Diese Kohärenz macht Serien, deren Plot fol­genüber­greifend funk­tion­iert (LOST, Mad Men) erst möglich. All dies existiert hierzu­lande nicht. Serien wer­den ein­mal konzip­iert und dann meis­tens Drehbücher für einzelne Fol­gen in Auf­trag gegeben. (Wie das aus­ge­hen kann, wis­sen wir)
Dass es hier hap­pert, sieht man grade auch den weni­gen starken Pro­duk­tio­nen aus Deutsch­land an. Und die gibt es.

Prob­lem­lö­sungssil­ber­streif: Ärzte, Türken und ländliche Minderheiten

Es ist nicht Alles ver­loren. Zum Beispiel beim Lieblingskind der öffentlich-rechtlichen, die Krim­ipro­duk­tio­nen. Wils­berg und Bella Block, the occa­sional Tatort und so weiter, da wo erlaubt wird, tatäschlich zu erzählen und starken Schaus­piel­ern ein biss­chen Freiraum gelassen wird, gibt es kleine High­lights.
Deutsche Serien sind gut, wenn sie sich trauen Geschichten zu erzählen, die hier­her kom­men. Wenn man vor Lokalkolorit nicht zurückschreckt, son­dern als Chance wahrn­immt. (dazu befrage man Franz Xaver Bogner, bay­erischer Serien­gott: Irgend­wie und Sowieso, München 7.)
Oder gle­ich mal erkennt wo es Sto­rys gibt, die nur hier passieren kön­nen. Dazu schreibt man dann Dialoge, die tat­säch­lich schnell, geschlif­fen und witzig (!) sind, findet Schaus­pieler die wis­sen was sie tun und schon hat man einen kleinen deutschen Seriendiamanten.

Man hat z. B. Mord mit Aus­sicht. Und ja, es ist ein Krimi. Und er spielt auf dem Land, in der Eifel, no less, ABER. Fig­uren, wie die aufs Land ver­set­zte Komis­sarin haben tat­säch­lich Charak­ter. Dialoge: haben Sarkas­mus und Witz. Ehrlich. Fälle: sind so selt­sam wie es Krim­i­nalfälle auf dem Land manch­mal sind.
Die Serie macht kein Tam­Tam, ver­sucht nicht krampfhaft jedem Klis­chee aus dem Weg zu gehen, son­dern zeigt es lieber mal aus einer anderen Per­spek­tive.
Wenn jetzt also bitte alle Dien­stagabend gegen 20:00 Uhr die ARD ein­schal­ten wür­den, es bestünde Hoff­nung. Nicht zuletzt weil man hier mal wieder den Zyk­lus von Pro­duk­tion, Ausstrahlung und eventueller Wieder­hol­ung der­ar­tig lose gestal­tet hat, dass eben doch nur klas­sis­ches Ein­schal­ten hilft.

Und dann wäre da noch Bora Dagtekin. Ret­ter meiner deutschen Serien­hoff­nun­gen. Gold­enes Kind der Branche. Erfinder von Türkisch für Anfänger und Doc­tors Diary.

Über Türkisch für Anfänger noch ein Wort zu ver­lieren, wäre fast schon zu viel des Guten. Deutsch-Türkische Kut­lurz­ick­erein, Patch-Work-Familienentwicklung, Coming-of-age und das in rasender Geschwindigkeit und ohne Rück­sicht auf Ver­luste. Men­schen: Kauft diese DVDs.

Und als alle Preise einge­sam­melt, alles Lob ange­häuft war nahm Bora sein kreatives Hirn und machte .. eine Arzt­serie? Tja. Und was für eine. Doctor’s Diary ist das ver­mut­lich Unter­halt­sam­ste was RTL seit Alles Nichts Oder pro­duziert hat. Und so die Pro­gramm­pla­nungs­göt­ter irgend­wann soweit sind, bekom­men wir von RTL auch endlich die dritte Staffel. Bis dahin kön­nen Sie, geneigter Leser, ja die ersten bei­den Staffeln rund um Gretchens Aben­teuer zwis­chen Kranken­haus und Herz­schmerz nach­holen. Und sich ein Loch über den Bauch freuen, über die bril­lianten Schaus­pieler (Flo­rian David Fitz ist überdies attrak­tiver als jeder ansäs­sige Doc­tor in Greys Anatomy), die rück­sicht­slosen Dialoge und das sen­sa­tionelle Tim­ing, mit dem bei­des kom­biniert wird.

Ich entschuldige mich an dieser Stelle dafür, dass man bei RTL respek­tive Clip­fish noch nicht begrif­fen hat wie Inter­net funk­tion­iert und die Videos daher nicht direkt hier abge­spielt werden.